Die Zahlen machen das Ergebnis umso bemerkenswerter: Bayern kam auf 66 Prozent Ballbesitz, 25:8 Abschlüsse und einen Expected-Goals-Wert von 3,51:0,56. Viking machte aus sehr wenig erstaunlich viel und wurde für eine mutige, äußerst effiziente Vorstellung mit einem Punkt belohnt.
Bayern rotiert auf ungewohntem Untergrund
Eine Besonderheit wartete bereits beim Betreten des Platzes. In der Lyse Arena wird auf Kunstrasen gespielt – Bedingungen, die die Bayern aus dem Bundesliga-Alltag praktisch nicht gewohnt sind und die vor allem bei Balltempo und Bewegungsabläufen Unterschiede mit sich bringen.
Vincent Kompany rotierte gegenüber dem 2:2 gegen Augsburg kräftig und nahm sechs Änderungen vor. Jonas Urbig ersetzte den angeschlagenen Manuel Neuer im Tor. Zudem begannen Min-Jae Kim, Nathaniel Brown, Konrad Laimer, Tom Bischof und Lennart Karl. Mit Joshua Kimmich, Michael Olise, Luis Díaz und Harry Kane standen allerdings mehrere Leistungsträger von Beginn an auf dem Platz. Viking trat in einem 4-3-3 an.
Taktisch war die Rollenverteilung klar. Bayern wollte über lange Ballbesitzphasen den Gegner tief zurückdrängen, die Außen breit halten und über Kimmich und Bischof immer wieder das Tempo verlagern. Viking verteidigte kompakter, suchte nach Ballgewinnen wesentlich schneller den Weg nach vorne und setzte zusätzlich auf Standards. Genau diese beiden Mittel sorgten für die ersten beiden Treffer.
Viking schockt dominante Bayern zweimal
Schon nach 71 Sekunden gerieten die Münchner in Rückstand. Kim verlor im eigenen Drittel gleich zweimal die Kontrolle und verursachte dadurch eine Ecke. Zlatko Tripić brachte den Ball in den Strafraum, wo sich Gianni Stensness gegen Kim und Jonathan Tah durchsetzte und zum 1:0 einköpfte.
Bayern reagierte mit viel Druck. Nach 20 Minuten lautete das Abschlussverhältnis bereits 9:1, Laimer verfehlte knapp und Díaz scheiterte an Arild Østbø. Auch Kane kam zu Möglichkeiten. Der Favorit bestimmte das Geschehen, spielte rund um Vikings Strafraum aber oftmals zu vorhersehbar und ließ die notwendige Präzision vermissen.
Dass Viking in der 38. Minute sogar auf 2:0 erhöhte, stellte den Spielverlauf endgültig auf den Kopf. Nach einem langen Ball von Erik Botheim startete Peter Christiansen aus der eigenen Hälfte durch. Brown konnte den Angreifer nicht mehr einholen, Christiansen blieb vor Urbig ruhig und vollendete.
Zur Pause hatte Bayern etwa 73 Prozent Ballbesitz und 13:3 Abschlüsse. Viking führte dennoch mit zwei Toren. Die Norweger hatten ihren Plan nahezu perfekt umgesetzt: tief und konzentriert verteidigen, Bayerns Fehler provozieren und nach Ballgewinnen ohne Umwege in die Tiefe spielen. Bayern wiederum hatte genügend Spielanteile und Chancen, verteidigte die wenigen gefährlichen Situationen aber ausgesprochen schlecht.
Bayern dreht nach der Pause deutlich auf
Kompany zog zur Pause deutliche Konsequenzen und wechselte gleich dreifach. Alphonso Davies kam für Brown, Dayot Upamecano ersetzte Tah und Ismael Saibari übernahm für Karl. Bayern wirkte danach dynamischer, schob Viking tiefer zurück und bekam vor allem im letzten Drittel deutlich mehr Bewegung in seine Angriffe.
In der 54. Minute begann die Aufholjagd. Laimer spitzelte im Strafraum vor Kristoffer Haugen an den Ball und wurde beim anschließenden Klärungsversuch getroffen. Kane verwandelte den fälligen Elfmeter sicher zum 2:1.
Nur sechs Minuten später war der Rückstand vollständig aufgeholt. Kimmich flankte aus dem rechten Halbfeld, Kane behauptete sich im Luftduell und köpfte zum 2:2 ein. Der Engländer war damit nicht nur wegen seines Doppelpacks Bayerns prägendster Spieler. Er ließ sich regelmäßig zurückfallen, verband Mittelfeld und Angriff und leitete später auch den Führungstreffer ein.
Díaz dreht das Spiel – Olise fliegt vom Platz
In der 71. Minute schien die Wende perfekt. Kane spielte einen präzisen Ball in den Lauf von Laimer, der von rechts querlegte. Díaz musste zentral nur noch zum 2:3 einschieben. Bayern hatte innerhalb von 17 Minuten aus einem 0:2 ein 3:2 gemacht und Viking in dieser Phase kaum noch Entlastung ermöglicht.
Doch unmittelbar danach brachte sich der deutsche Meister selbst wieder in Schwierigkeiten. Olise stoppte in der 73. Minute zunächst einen Gegenspieler mit einem taktischen Foul und sah Gelb. In derselben Situation warf er den Ball seinem Kontrahenten ins Gesicht und kassierte praktisch unmittelbar danach die zweite Verwarnung. In der 74. Minute musste der Franzose vom Platz.
Damit fehlt Olise auch im nächsten Champions-League-Spiel des FC Bayern am 21. Oktober gegen Arsenal. Für Kompanys Mannschaft änderte sich die Partie nach dem Ausschluss erneut grundlegend. Statt Viking weiter in dessen Hälfte festzusetzen, musste Bayern nun tiefer verteidigen.
Haugen sorgt für den späten Bayern-Schock
Viking erhöhte nun den Druck und suchte verstärkt Flanken und Standards. Urbig parierte in der 80. Minute zunächst einen Kopfball von Henrik Falchener nach einer Ecke und verhinderte den Ausgleich.
In der 90. Minute war der Torhüter schließlich machtlos. Tripić brachte den Ball in den Strafraum und der eingewechselte Herman Haugen köpfte zum 3:3 ein. In der Schlussphase musste Urbig sogar noch einmal eingreifen, damit Bayern nicht auch noch den vierten Gegentreffer kassierte.
Das Remis bleibt angesichts der statistischen Kräfteverhältnisse ein äußerst ungewöhnliches Ergebnis. Bayern brachte es auf 3,51 xG, Viking lediglich auf 0,56. Auch die 25:8 Abschlüsse und 50:14 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum verdeutlichen die spielerische Überlegenheit der Münchner. Drei Gegentore aus einem derart niedrigen Chancenwert zeigen jedoch, wie konsequent Viking Bayerns wenige defensive Fehler bestrafte.
Viking machte vieles richtig: Die Norweger verteidigten leidenschaftlich, waren bei Standards gefährlich und spielten ihre wenigen Konter mit bemerkenswerter Konsequenz aus. Bayern wiederum zeigte nach der Pause große offensive Qualität und hätte die Partie aufgrund der Vielzahl an Möglichkeiten gewinnen müssen. Der schwache Start, die mangelhafte Absicherung bei Vikings Umschaltmomenten und Olises unnötiger Platzverweis verhinderten jedoch den zweiten Champions-League-Sieg.
Besonders bitter ist die Gelb-Rote Karte auch mit Blick auf das nächste Champions-League-Spiel gegen Arsenal. Olise gehört zu den wichtigsten und formstärksten Offensivspielern der Münchner und wird ausgerechnet gegen einen der derzeit stärksten Gegner Europas fehlen. Gerade in einem Spiel, in dem Bayern individuelle Qualität, Kreativität und Durchschlagskraft im letzten Drittel benötigen dürfte, wiegt sein Ausfall entsprechend schwer. Nach zwei Spieltagen stehen die Münchner bei vier Punkten.