Die Ausgangslage lässt wenig Raum für taktisches Abwarten. Gewinnt Sturm mit drei oder mehr Toren Unterschied, stehen die Steirer direkt im Playoff. Ein 2:0 würde Verlängerung bedeuten. Fenerbahçe reicht hingegen bereits eine Niederlage mit einem Treffer Differenz zum Weiterkommen.
Fenerbahçe im Hinspiel klar überlegen
Sturm verkaufte sich in Istanbul durchaus ordentlich, entwickelte offensiv aber viel zu wenig Gefahr. Fenerbahçe kontrollierte die Partie über weite Strecken und ging bereits nach zehn Minuten durch Anderson Talisca in Führung. Kurz vor der Pause erhöhte Neuzugang Mason Greenwood nach einer einstudierten Eckballvariante auf 2:0.
Die Zahlen unterstrichen die Überlegenheit der Türken. Fenerbahçe kam auf 72 Prozent Ballbesitz und 17 Abschlüsse, Sturm lediglich auf fünf. Besonders deutlich fiel die Expected-Goals-Bilanz mit 1,30 : 0,16 aus. Torhüter Daniil Khudyakov verhinderte mit mehreren starken Paraden eine noch deutlichere Niederlage.
Für Sturm wird es im Rückspiel deshalb vor allem darum gehen, deutlich mehr Situationen im letzten Drittel zu erzeugen, ohne Fenerbahçes enorme individuelle Qualität im Umschaltspiel einzuladen. Ein früher Gegentreffer würde die ohnehin schwierige Aufgabe praktisch zu einer Mammutmission machen.
Weiper empfiehlt sich mit Doppelpack
Etwas Selbstvertrauen holten sich die Grazer am Wochenende in der Bundesliga. Sturm setzte sich beim TSV Hartberg mit 2:0 durch, wobei beide Tore erst nach einer gelb-roten Karte gegen Konstantin Schopp fielen. Der eingewechselte Nelson Weiper erzielte einen Doppelpack, beide Treffer bereitete ebenfalls Joker Simon Seidl vor.
Damit hat sich Weiper zumindest für mehr Einsatzzeit gegen Fenerbahçe empfohlen. Im Hinspiel begann Szymon Włodarczyk neben Seedy Jatta, ohne dass Sturm seine Angreifer regelmäßig in gefährliche Abschlusspositionen bekam. Ob Ingolitsch nun bereits von Beginn an auf Weiper setzt oder den deutschen U21-Teamspieler erneut als Joker einplant, ist eine der interessanteren Personalfragen.
Weiter nicht zur Verfügung steht weiterhin Otar Kiteishvili. Der georgische Schlüsselspieler laboriert seit Saisonbeginn an Wadenproblemen, ein Zeitpunkt für seine Rückkehr ist noch offen.
Ingolitsch will nicht blind anlaufen
Trotz des Zwei-Tore-Rückstands will Sturm nicht von Beginn an völlig kopflos attackieren. Ingolitsch sprach vor allem davon, die richtige Balance zu finden. Der erste Treffer könnte dabei die Dynamik der gesamten Begegnung verändern.
Nelson Weiper brachte die Hoffnung nach seinem Doppelpack in Hartberg auf den Punkt: „Wenn wir ein Tor machen, egal ob in der 1. oder 85. Minute, ist alles möglich.“
Sturm kann dabei auf seine starke Heimbilanz im Europacup bauen. Sechs der vergangenen acht internationalen Heimspiele wurden gewonnen, nur eines ging verloren. Gegen Fenerbahçe braucht es allerdings eine außergewöhnliche Leistung – und vor allem wesentlich mehr Durchschlagskraft als in Istanbul.
Fenerbahçe reist ohne drei Spieler an
Auch Fenerbahçe muss personell umstellen. Jayden Oosterwolde verletzte sich bereits im Hinspiel und fehlt in Graz. Zudem reisten Stammtorhüter Ederson wegen einer Virusinfektion sowie Flügelspieler Anthony Musaba aufgrund körperlicher Beschwerden nicht mit nach Österreich. Im Tor dürfte damit erneut Mert Günok beginnen, links hinten ist Archie Brown die logische Alternative zu Oosterwolde.
Ansonsten kann Trainer İsmail Kartal auf seine zahlreichen Stars zurückgreifen. Milan Škriniar und Nathan Aké dürften die Innenverteidigung bilden, davor stehen unter anderem N’Golo Kanté, Mattéo Guendouzi, Marco Asensio, Kerem Aktürkoğlu, Greenwood und Talisca zur Verfügung.
Dass Fenerbahçe lediglich den Vorsprung verwalten will, stellte Kartal vor der Partie in Abrede: „Wir sind nicht hier, um das Ergebnis zu verteidigen, sondern um mit unserem eigenen Spiel weiterzukommen.“
Die Türken hatten außerdem einen kleinen Vorteil in der Vorbereitung. Während Sturm am Samstag noch in Hartberg im Bundesliga-Einsatz war, beginnt die neue Saison der Süper Lig erst am kommenden Wochenende.
Sieger trifft auf Sparta oder Lyon
Für den Gewinner des Duells geht es im Champions-League-Play-off gegen Sparta Prag oder Olympique Lyon weiter. Die Tschechen gewannen das Hinspiel zu Hause mit 2:1, das Rückspiel findet ebenfalls am Dienstagabend statt. Die erste Playoff-Partie steigt bereits am 18. August, das Rückspiel folgt am 26. August.
Auch für den Verlierer endet die internationale Saison allerdings keineswegs. Da Sturm und Fenerbahçe im sogenannten League Path antreten, ist der unterlegene Klub bereits fix für die Ligaphase der Europa League qualifiziert.
Sturm kann am Dienstag deshalb relativ frei ins Risiko gehen. Die Europa-League-Teilnahme ist abgesichert, für die Champions League braucht es nun einen jener Europacup-Abende, an denen in Liebenau möglichst früh die Hoffnung auf eine Sensation entsteht.