Für den SK Sturm ist es das bisher größte Spiel der noch jungen Saison. Nach dem souveränen Weiterkommen gegen Heart of Midlothian wartet mit Fenerbahçe ein Gegner aus einer anderen Gewichtsklasse. Die Türken haben im Sommer weiter aufgerüstet und stehen unter hohem Druck, nach fast zwei Jahrzehnten wieder die Champions-League-Ligaphase zu erreichen. Für Sturm ist die Ausgangslage komfortabler: Eine europäische Ligaphase ist bereits fix, nun geht es um den nächsten großen Schritt.
Souveräner Sturm-Weg gegen Hearts
Sturm startete beeindruckend in die Qualifikation. Gegen Heart of Midlothian legten die Grazer bereits im Hinspiel in Liebenau die Basis für den Aufstieg. Das 4:0 war vor allem das Produkt einer enorm effizienten Phase nach der Pause: Nach der frühen Führung durch Jon Gorenc Stanković legten Jeyland Mitchell, Luca Weinhandl und Jürgen Heil innerhalb weniger Minuten nach.
Auch im Rückspiel in Edinburgh ließ Sturm nichts mehr anbrennen. Mit einem 2:0-Auswärtssieg und einem Gesamtscore von 6:0 zog die Mannschaft von Fabio Ingolitsch in die dritte Qualifikationsrunde ein. Besonders positiv: Sturm wirkte gegen Hearts nicht nur effizient, sondern über weite Strecken auch reif. Die Mannschaft verteidigte kompakt, attackierte passende Momente und brachte trotz einiger neuer Gesichter schnell Struktur auf den Platz.
Fenerbahçe hatte deutlich mehr Mühe: Gegen Górnik Zabrze reichte nach einem 1:0-Heimsieg im Rückspiel in Polen ein 1:1, insgesamt setzte sich „Fener“ nur knapp mit 2:1 durch. Der Favorit kam also weiter, war aber eindeutig noch nicht völlig stabil.
Ligaauftakt mit verpasstem Sieg
National ist Sturm mit einem 1:1 bei der WSG Tirol in die neue Bundesliga-Saison gestartet. Szymon Włodarczyk brachte die Grazer in der 29. Minute in Führung, Olakigbe glich kurz vor der Pause aus. Nach dem Seitenwechsel drückte Sturm auf den Sieg, traf unter anderem durch JP Hödl und Gizo Mamageishvili nur Aluminium und ließ mehrere gute Chancen liegen.
Das Remis war aus Grazer Sicht ärgerlich, aber kein Rückschritt. Die Leistung war über weite Strecken in Ordnung, nur die Effizienz fehlte. Genau das wird in Istanbul ein zentrales Thema sein: Gegen Fenerbahçe wird Sturm deutlich weniger klare Möglichkeiten bekommen als in Tirol. Wenn sich Räume ergeben, müssen sie genutzt werden – um nicht die berühmte „Bestrafung“ durch ein stärkeres Team zuzulassen.
Fenerbahçe rüstet weiter auf
Fenerbahçe hat im Sommer einmal mehr viel Bewegung im Kader gehabt und der Klub investierte bereits mehr als 40 Millionen Euro in neue Spieler. Besonders prominent sind Nathan Aké, der von Manchester City kam, Vedat Muriqi, der nach Istanbul zurückkehrte, sowie Mason Greenwood, der von Marseille verpflichtet wurde. Dazu kamen unter anderem Sidiki Chérif und weitere Kaderergänzungen.
Der Kader ist damit individuell gewohnt stark besetzt: Milan Škriniar führt die Abwehr, der Weltmeister von 2018 N’Golo Kanté bringt Erfahrung und Ballgewinnqualität ins Zentrum, vorne gibt es mit Muriqi, Greenwood, Talisca und mehreren schnellen Flügelspielern reichlich Wucht. Dass nicht alle Neuzugänge sofort perfekt integriert sind, zeigte allerdings schon die engen Duelle mit Górnik.
Für die Trainerbank unterschrieb İsmail Kartal für die Saison 2026/27. Für ihn ist die Champions-League-Qualifikation ein frühes Schlüsselthema, weil der Klub international hohe Erwartungen hat und national erst sehr spät in die Süper Lig startet.
Kartal warnt vor Sturm
Kartal sprach vor dem Hinspiel respektvoll über den Gegner. Die Champions League sei „das höchste Niveau“, jedes Spiel habe Finalcharakter, erklärte der Fener-Trainer. Sturm bezeichnete er als „gute Mannschaft“, deren Stärken man kenne. Besonders hob er hervor, dass die Grazer unter ihrem (relativ) neuen Trainer mit einem anderen System auftreten würden, jung, laufstark und kampfkräftig seien.
Gleichzeitig machte Kartal klar, dass Fenerbahçe das Heimspiel gewinnen und mit einem Vorteil ins Rückspiel gehen will. Personell gab es aus türkischer Sicht gute Nachrichten: Vedat Muriqi soll im Kader stehen, auch N’Golo Kanté ist nach Angaben des Trainers einsatzbereit. Über die Torhüterfrage wollte Kartal erst am Spieltag entscheiden.
Auch Kapitän Milan Škriniar betonte, wie wichtig die Unterstützung der Fans sei. Man wolle die Anhänger stolz machen, sagte der Slowake. Über „Königstransfer“ Nathan Aké erklärte er sinngemäß, dessen Qualität sei für ihn keine Überraschung – er helfe nicht nur ihm, sondern der ganzen Mannschaft.
Sturm will sich nicht einschüchtern lassen
Sturm reist mit rund 300 Fans nach Istanbul und weiß, was im Şükrü Saracoğlu Stadion wartet. Simon Seidl sprach im Vorfeld von einem Karriere-Highlight und einem besonderen Spiel vor fast 50.000 Zuschauern. Gleichzeitig betonte er, man wolle sich von der Kulisse nicht einschüchtern lassen.
Fenerbahçe wird versuchen, früh Druck zu erzeugen, über die Flügel Tempo aufzunehmen und Standards sowie Flanken zu forcieren. Für die Grazer geht es darum, diese Anfangsphase zu überstehen, klare Abstände zu halten und nach Ballgewinnen mutig nach vorne zu spielen. Sturm darf in Istanbul nicht zu tief und passiv werden.
Ein Vorteil: Der größere Druck liegt beim Gastgeber. Fenerbahçe will unbedingt in die Champions League, Sturm hat durch den Aufstieg gegen Hearts bereits die sechste Europacup-Ligaphasenteilnahme in Folge sicher. Scheitern die Grazer gegen Fenerbahçe, geht es direkt in die Ligaphase der Europa League. Setzen sie sich durch, wartet im Playoff der Sieger aus Sparta Prag gegen Olympique Lyon.
Bisherige Duelle und Personallage
Sturm und Fenerbahçe trafen bereits 2017 in der Europa-League-Qualifikation aufeinander. Damals holten die Grazer auswärts ein 1:1, verloren daheim aber trotz Führung durch den mittlerweile frisch pensionierten Stefan Hierländer mit 1:2. Die UEFA-Bilanz spricht daher knapp für Fenerbahçe: ein Sieg, ein Remis, 3:2 Tore.
Sicher fehlen wird Sturm weiterhin Amady Camara. Der Offensivspieler fällt wegen einer muskulären Verletzung mehrere Wochen aus, hätte aber vermutlich ohnehin keine Rolle im Team gespielt. Sonst geht es vor allem um Belastungssteuerung und Rollenverteilung nach dem intensiven Saisonstart.
Die Ausgangslage ist klar: Fenerbahçe ist Favorit, Sturm aber keineswegs chancenlos. Wenn die Grazer mutig bleiben, die Atmosphäre annehmen und ihre Umschaltmomente sauber ausspielen, können sie sich eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel in Graz erarbeiten.