Es dauerte nicht lange, bis klar wurde, in welche Richtung sich dieser Abend entwickeln würde. Nach einem Stangenschuss von Matthias Seidl staubte Ercan Kara bereits in der fünften Minute zum 1:0 ab, sieben Minuten später köpfelte der Mittelstürmer nach einer Flanke von Jannes Horn zum 2:0 ein. Tonni Adamsen erhöhte unmittelbar danach auf 3:0. Der GAK hatte durch Peter Michorl zwischenzeitlich zwar eine gute Möglichkeit, ansonsten spielten aber fast ausschließlich die Gastgeber. Nenad Cvetkovic köpfelte in der 42. Minute das 4:0, Adamsen stellte noch vor der Pause auf 5:0.
Wer erwartet hatte, dass Rapid nach dem Seitenwechsel einen Gang zurückschalten würde, sah sich getäuscht. Yusuf Demir traf in der 56. Minute zum 6:0, ehe Adamsen mit zwei weiteren Toren seinen Viererpack komplettierte. Der Däne war damit der Mann des Abends, Kara traf doppelt, Cvetkovic und Demir jeweils einmal. Mit dem 8:0 feierte Rapid den höchsten Sieg seit der Eröffnung des Allianz Stadions und den höchsten Bundesligaerfolg seit dem 10:0 gegen – ebenfalls – den GAK im September 1985.
Statistische Machtdemonstration
Das Resultat war hoch, aber keinesfalls das Produkt einer absurden Chancenverwertung in einem eigentlich ausgeglichenen Spiel. Im Gegenteil: Die Statistiken bilden die Kräfteverhältnisse sehr deutlich ab.
Rapid hatte 72 Prozent Ballbesitz, gab 27 Schüsse ab und kam auf 43 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum. Der GAK hielt bei neun Abschlüssen und gerade einmal acht Strafraumkontakten. Besonders drastisch fällt der Expected-Goals-Vergleich aus: Rapid erspielte sich Möglichkeiten im Wert von 5,49 xG, die Grazer kamen lediglich auf 0,76.
Auch der reine Ballbesitz erzählt diesmal keineswegs die Geschichte steriler Dominanz. Rapid spielte schnell, fand konsequent freie Spieler zwischen und innerhalb der Grazer Linien und verlagerte das Spiel immer wieder im richtigen Moment. Dazu kam eine Passsicherheit, gegen die der GAK kaum Zugriff fand: Rapid spielte mehr als doppelt so viele Pässe wie die Gäste und brachte über 90 Prozent davon zum Mitspieler.
Bemerkenswert war vor allem, dass die Intensität auch mit Fortdauer des Spiels kaum abnahm. Genau das unterschied diesen Auftritt auch vom 2:0 gegen Paide wenige Tage zuvor, als Rapid über weite Strecken behäbig agierte und Trainer Johannes Hoff Thorup anschließend das fehlende Tempo im letzten Drittel kritisierte.
Rapids beste Leistung unter Thorup
Gegen den GAK folgte nun die bislang mit Abstand stärkste Antwort. Rapid war spielerisch, körperlich, taktisch und hinsichtlich der Intensität überlegen. Die Abstände passten, nach Ballverlusten wurde sofort gegengepresst und im eigenen Ballbesitz fand die Mannschaft immer wieder neue Lösungen.
Die Versuchung ist bei acht Toren naturgemäß groß, einzelne Offensivspieler herauszuheben. Adamsens Viererpack ist außergewöhnlich, Kara zeigte sich mit seinem Doppelpack extrem effizient und Seidl bereitete drei Treffer vor. Trotzdem war die bemerkenswerteste Erkenntnis gerade die Geschlossenheit der gesamten Mannschaft.
Es gab praktisch keinen Rapid-Spieler, der deutlich aus dem funktionierenden Kollektiv herausstach. Die Innenverteidiger schoben aggressiv nach vorne, die Außenverteidiger beteiligten sich permanent am Angriffsspiel, das zentrale Mittelfeld kontrollierte Tempo und Gegenpressing und die Offensive bewegte sich äußerst variabel. Selbst nach den Wechseln blieb die Struktur bestehen.
Thorup formulierte es nach dem Spiel entsprechend: „Es war ein guter Fußball von uns, mit vielen guten Momenten, viel hoher Qualität. Aber am wichtigsten ist eine Mannschaft, die bei allem zusammenhält, was wir tun.“ Der Däne erklärte sogar, es sei möglicherweise das erste Mal in seiner Trainerkarriere gewesen, dass er sich während einer Partie kurz zurücklehnen und seine Mannschaft einfach genießen konnte.
Feldhofer erlebt „dunkelsten Moment“
Auf der anderen Seite war der GAK mit dem Tempo Rapids völlig überfordert. Die Grazer verloren zu viele direkte Duelle, verteidigten ihren Strafraum erschreckend schwach und bekamen insbesondere die Räume auf den Seiten und zwischen den Ketten nie unter Kontrolle.
Ferdinand Feldhofer fand anschließend entsprechend deutliche Worte: „Es war grottenschlecht. Wir sind von Anfang an unter die Räder gekommen.“ Der ehemalige Rapid-Trainer bezeichnete die Niederlage als den sportlich schlimmsten Moment seiner Karriere als Spieler und Trainer und entschuldigte sich bei den Anhängern des GAK.
Ein Teil der mitgereisten Fans hatte zu diesem Zeitpunkt bereits sein Urteil gefällt. Noch während der zweiten Hälfte wurde im Gästesektor ein Transparent mit der Aufschrift „Feldhofer raus!“ gezeigt, einige Anhänger verließen das Stadion vorzeitig. Feldhofer selbst zeigte Verständnis für den Unmut und erklärte, nach einem 0:8 hätten die Fans das Recht, ihren Ärger kundzutun.
Rapid reist mit breiter Brust nach Edinburgh
Rapid übernimmt mit dem Kantersieg die Tabellenführung und hält nun bei acht Siegen aus acht Pflichtspielen. Viel besser könnte die Stimmung vor dem ersten echten Saisonhöhepunkt kaum sein: Am Donnerstag gastieren die Hütteldorfer im Hinspiel des Conference-League-Playoffs bei Heart of Midlothian in Edinburgh. Das Rückspiel folgt sechs Tage später in Wien. Danach wartet in der Bundesliga das Heimspiel gegen den SK Sturm Graz.
Für den GAK geht es bereits am Freitag auswärts bei der SV Ried weiter – ob Ferdinand Feldhofer dann noch auf der Trainerbank sitzen wird, erscheint nach diesem Abend zumindest fraglich. Eine 0:8-Niederlage, ein in allen Belangen inferiorer Auftritt und offene Rücktrittsforderungen aus dem eigenen Fanblock lassen sich kaum einfach zur Tagesordnung überführen. Dass die Grazer Verantwortlichen die Trainerfrage nun sehr grundsätzlich diskutieren werden, wäre daher keine Überraschung.