Der Kampf um die Gesamtwertung verspricht in den kommenden Tagen noch einiges an Spannung. Während bislang vor allem die Sprinter im Mittelpunkt standen, warten auf die Fahrer in der zweiten Hälfte der Rundfahrt deutlich anspruchsvollere Etappen. Besonders die abschließende Bergankunft könnte das Klassement noch einmal kräftig durcheinanderwirbeln.
Magnier startet mit Rekordsieg in die Rundfahrt
Der Auftakt am Dienstag stand zunächst ganz im Zeichen von Paul Magnier. Der Franzose vom Team Soudal-QuickStep setzte sich auf dem 149,4 Kilometer langen Rundkurs um Chongzuo im Massensprint durch und bestätigte damit einmal mehr seine besondere Beziehung zur Tour of Guangxi. Bereits im vergangenen Jahr hatte der 22-Jährige fünf der sechs Etappen gewonnen. Mit seinem neuerlichen Erfolg zog er nun mit Fernando Gaviria gleich, der ebenfalls sechs Tagessiege bei der chinesischen Rundfahrt vorweisen kann.
Dabei war der Etappensieg keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Die Mannschaft Decathlon CMA CGM hatte das Finale für Olav Kooij vorbereitet und den Niederländer in eine aussichtsreiche Position gebracht. Magnier erwischte jedoch den besseren Moment, setzte sich mit einem kraftvollen Antritt durch und verwies Sam Welsford sowie den Deutschen Max Kanter auf die weiteren Podestplätze.
Auch aus österreichischer Sicht gab es auf dem ersten Teilstück eine bemerkenswerte Aktion. Patrick Gamper vom Team Jayco AlUla hatte sich gemeinsam mit dem Norweger Fredrik Dversnes und dem US-Amerikaner Neilson Powless frühzeitig vom Hauptfeld abgesetzt. Das Trio behauptete sich lange an der Spitze, ehe die Sprintermannschaften die Ausreißer rund acht Kilometer vor dem Ziel wieder einholten.
Magnier übernahm dank seines Erfolgs auch die Gesamtführung und schien zunächst auf dem besten Weg, seine Erfolgsserie in Guangxi fortzusetzen.
Biesterbos überrascht die Favoriten
Bereits am Mittwoch musste der Franzose allerdings seine erste Niederlage hinnehmen. Auf der zweiten Etappe über 179,5 Kilometer von Chongzuo nach Jingxi gelang Frits Biesterbos ein überraschender Erfolg. Der 24-jährige Niederländer vom Team Picnic PostNL setzte sich im Massensprint gegen Magnier durch, während Olav Kooij den dritten Platz belegte.
Zuvor hatte ein rund 8,5 Kilometer langer Anstieg mit durchschnittlich 3,4 Prozent Steigung für Bewegung im Feld gesorgt. Mehrere Fahrer versuchten, das Rennen mit Attacken aufzubrechen. Die Sprintermannschaften ließen jedoch keine entscheidende Lücke entstehen und sorgten dafür, dass sich das Feld vor dem Finale wieder zusammenschob.
Auf der breiten Zielgeraden entwickelte sich anschließend ein unübersichtlicher Sprint. Magnier hatte seinen letzten Anfahrer verloren und eröffnete den Kampf um den Etappensieg bereits rund 300 Meter vor der Linie. Biesterbos nutzte diese Situation geschickt aus, wartete länger mit seinem Antritt und zog auf den letzten Metern am Franzosen vorbei.
Für den Niederländer war es der erste Profisieg seiner Karriere und zugleich der erste WorldTour-Erfolg seiner Mannschaft in der laufenden Saison. Insgesamt war es erst der dritte Saisonsieg für Picnic PostNL.
In der Gesamtwertung blieb Magnier zunächst vorne. Sein Vorsprung auf Biesterbos war allerdings auf sechs Sekunden geschrumpft.
Fretin triumphiert nach Magniers Missgeschick
Auch die dritte Etappe am Donnerstag brachte einen unerwarteten Sieger. Auf dem mit 212,3 Kilometern längsten Teilstück der Rundfahrt von Jingxi nach Bama setzte sich Milan Fretin vom Team Cofidis durch. Der Belgier gewann den Massensprint knapp vor Biesterbos und Jordi Meeus von Red Bull-Bora-Hansgrohe und feierte damit seinen ersten Sieg auf WorldTour-Niveau.
Die Strecke war deutlich anspruchsvoller als jene der beiden Vortage. Besonders auf den letzten 60 Kilometern mussten die Fahrer mehrere Anstiege bewältigen. Dennoch gelang es keiner Mannschaft, die Sprinter entscheidend abzuhängen.
Lange Zeit bestimmte eine dreiköpfige Ausreißergruppe das Geschehen. Mit Tobias Bayer von Alpecin-Premier Tech war erneut ein Österreicher an einer Flucht beteiligt. Gemeinsam mit Jasha Sütterlin und dem Chinesen Ruidong Wang erarbeitete sich Bayer zwischenzeitlich einen Vorsprung von beinahe sechs Minuten. Erst rund 20 Kilometer vor dem Ziel waren sämtliche Ausreißer wieder eingeholt.
Im Finale schien zunächst alles auf ein weiteres Duell zwischen Magnier und Biesterbos hinauszulaufen. Soudal-QuickStep hatte seinen Kapitän hervorragend positioniert, rund 150 Meter vor dem Ziel befand sich der Franzose in einer aussichtsreichen Position.
Doch genau in diesem Moment passierte das entscheidende Missgeschick: Als Magnier seinen Sprint eröffnen wollte, rutschte sein rechter Fuß aus dem Klickpedal. Der 22-Jährige verlor schlagartig an Geschwindigkeit und wurde von zahlreichen Konkurrenten überholt. Dabei wurde auch der unmittelbar hinter ihm fahrende Max Kanter ausgebremst, der sich zuvor ebenfalls in eine gute Ausgangsposition gebracht hatte. Während Magnier nur auf Platz 21 landete, musste sich der Deutsche mit Rang 20 begnügen.
Fretin nutzte das turbulente Finale und setzte sich auf der rechten Straßenseite knapp durch. Biesterbos sicherte sich mit Rang zwei erneut wertvolle Bonussekunden und durfte sich anschließend über das Rote Führungstrikot freuen.
Gesamtwertung bleibt eng – die Berge warten
Nach drei von sechs Etappen führt Biesterbos die Gesamtwertung zeitgleich vor Magnier an. Der Deutsche Max Kanter liegt als Dritter lediglich vier Sekunden zurück. Die bisherigen Resultate zeigen damit vor allem eines: Im Kampf um die Gesamtwertung ist noch längst keine Vorentscheidung gefallen.
Dass die ersten drei Tagesabschnitte jeweils im Massensprint entschieden wurden, bedeutet allerdings nicht, dass dies auch in der zweiten Hälfte der Rundfahrt so weitergehen wird. Die Streckenführung wird zunehmend anspruchsvoller und eröffnet den kletterstarken Fahrern größere Möglichkeiten.
Bereits am Freitag stehen auf der vierten Etappe von Bama nach Tian’e über 165,7 Kilometer mehrere Anstiege und insgesamt rund 2.700 Höhenmeter auf dem Programm. Die Strecke könnte erstmals für größere Zeitabstände zwischen den Favoriten sorgen.
Nach einem weiteren welligen Teilstück am Samstag folgt am Sonntag das große Finale. Die sechste Etappe endet mit einer Bergankunft am Nongla Scenic Spot, wo die Entscheidung über den Gesamtsieg erwartet wird.
Damit könnten Fahrer wie Tom Pidcock, Jhonatan Narváez oder Juan Ayuso noch eine entscheidende Rolle spielen. Auch Titelverteidiger Paul Double gehört zum erweiterten Kreis jener Fahrer, die sich auf anspruchsvollerem Terrain Hoffnungen machen dürfen.
Für Magnier und Biesterbos, die bisher den Ton angaben, dürfte es in der zweiten Rennhälfte schwieriger werden, ihre Spitzenplätze zu halten. Magnier wird nach dem missglückten Sprint vom Donnerstag auf Wiedergutmachung aus sein, Biesterbos muss seine überraschend eroberte Gesamtführung erstmals im schwierigeren Gelände verteidigen.
Die Tour of Guangxi hat damit zur Halbzeit noch keinen klaren Favoriten auf den Gesamtsieg hervorgebracht. Nach drei abwechslungsreichen Sprintentscheidungen könnte die Rundfahrt in den kommenden Tagen einen völlig anderen Charakter bekommen.