Christian Scaroni komplettierte als zweiter Italiener das Podium, während Lokalmatador Primož Roglič auf Rang zehn landete. Für Evenepoel war der Erfolg auch deshalb besonders, weil ihm der EM-Titel im Straßenrennen als einer der letzten großen Titel seiner Karriere noch gefehlt hatte.
So funktioniert die Straßen-EM
Anders als bei der Tour de France oder anderen Rundfahrten wird der Europameister in nur einem Rennen ermittelt. Die Fahrer treten dabei nicht für ihre Profiteams, sondern für ihre Nationalmannschaften an. Wer gewinnt, darf anschließend ein Jahr lang bei Straßenrennen das Trikot des Europameisters tragen.
Für die Profis ohne Altersbeschränkung gibt es die Straßen-EM erst seit 2016, zuvor wurden nur Titel im Nachwuchsbereich vergeben. Damals gewann Peter Sagan die erste Austragung der Männer. Die diesjährige Europameisterschaft in Slowenien umfasst insgesamt 14 Bewerbe – neben den Straßenrennen stehen auch Einzelzeitfahren und Mixed-Staffeln für verschiedene Altersklassen auf dem Programm.
Der Männerbewerb führte über 196,3 Kilometer und 2.571 Höhenmeter. Nach dem ersten Streckenabschnitt von Ljubljana in Richtung Šenčur mussten fünf Runden auf einem 22,1 Kilometer langen Kurs absolviert werden. Herzstück war jeweils der Anstieg nach Možjanca: 2,1 Kilometer mit durchschnittlich gut zehn Prozent Steigung und Rampen bis 15,8 Prozent.
Belgien kontrolliert das Rennen für Evenepoel
Schon früh setzte sich eine sechsköpfige Ausreißergruppe ab, zu der auch der Slowene Luka Mezgec gehörte, der bei seinem Heimrennen seine Profikarriere beendete. Belgien ließ den Vorsprung allerdings nie gefährlich anwachsen und bestimmte über weite Strecken die Nachführarbeit.
Mit jeder Überfahrt des Možjanca wurde das Feld kleiner. Fahrer wie Mads Pedersen verloren den Anschluss, während Italien, Slowenien und Belgien das Tempo im entscheidenden Teil des Rennens immer weiter erhöhten.
Etwa 36 Kilometer vor dem Ziel begann die entscheidende Phase. Evenepoel attackierte gemeinsam mit Ciccone, ging in einer Kurve jedoch zu schnell hinein und rutschte weg. Der Belgier konnte sofort weiterfahren und wurde von seinen Teamkollegen wieder an Ciccone herangeführt.
Nur wenige Kilometer später versuchte es Evenepoel erneut. Diesmal konnte lediglich Ciccone folgen – und das Duo setzte sich endgültig von der Verfolgergruppe ab.
Ciccone zwingt Evenepoel zur Führungsarbeit
Evenepoel und Ciccone erreichten gemeinsam die letzte Runde. Hinter ihnen gelang es den Verfolgern trotz mehrerer Attacken nicht mehr, die Lücke zu schließen. Belgien war auch dort taktisch stark vertreten und konnte die Organisation der Verfolger immer wieder stören.
In den letzten zehn Kilometern wollte Ciccone kaum noch Führungsarbeit übernehmen. Evenepoel musste einen Großteil des Tempos selbst machen und zeigte zwischenzeitlich deutlich seinen Unmut. Der Italiener setzte damit nachvollziehbar alles auf den Sprint.
Die Taktik schien beinahe aufzugehen. Vor der letzten Kurve lag Evenepoel vorne, Ciccone nutzte jedoch die Innenbahn und eröffnete den Sprint aus der besseren Position. Der Italiener sah bereits wie der Sieger aus, wurde auf den letzten Metern aber langsamer.
Evenepoel kam noch einmal heran, beide warfen ihre Räder nahezu gleichzeitig über die Ziellinie. Erst das Zielfoto entschied: Der Belgier lag um wenige Zentimeter vorne und gewann nach 4:16:37 Stunden. Das entspricht einem Schnitt von knapp 46 km/h.
Evenepoel komplettiert außergewöhnliche Titelsammlung
Scaroni sicherte sich 59 Sekunden später Bronze, Toms Skujiņš wurde mit 1:13 Minuten Rückstand Vierter. Dahinter folgten Iván Romeo, Ramses Debruyne und der Deutsche Emil Herzog. Roglič belegte bei der Heim-EM Rang zehn, Österreichs Michael Gogl wurde 20.
Nach zwei zweiten Plätzen reichte es diesmal für Gold. 2021 und 2025 war Evenepoel im EM-Straßenrennen jeweils knapp am Titel gescheitert. Im Vorjahr musste er sich Tadej Pogačar geschlagen geben, der diesmal wegen der Folgen seines Vuelta-Sturzes nicht starten konnte und das Rennen lediglich als Zuschauer verfolgte.
Nach seinem enttäuschenden zwölften Platz im Straßenrennen der Weltmeisterschaft hatte Evenepoel zudem ausdrücklich betont, bei der EM etwas wiedergutmachen zu wollen. Nach dem Zieleinlauf zeigte sich der 26-Jährige entsprechend glücklich und betonte, wie stolz er auf den Erfolg und die Arbeit seiner belgischen Teamkollegen sei.
Damit hat Evenepoel nun auf Elite-Niveau nationale, europäische, Weltmeister- und Olympiatitel sowohl im Straßenrennen als auch im Einzelzeitfahren gewonnen. Auf eine Titelverteidigung im EM-Zeitfahren verzichtet er allerdings: Statt am Mittwoch anzutreten, richtet er seinen Fokus bereits auf die Lombardei-Rundfahrt am 10. Oktober.