Die Ausgangslage für die 120. Ausgabe könnte kaum spannender sein. Remco Evenepoel kommt als frischgebackener Europameister nach Italien, Weltmeister Brandon McNulty führt das UAE Team Emirates-XRG in Abwesenheit von Pogačar an und Isaac del Toro zählt trotz leichter Knieprobleme ebenfalls zum engsten Favoritenkreis. Dahinter ist das Feld der potenziellen Sieger so breit wie lange nicht.
Pogačars historische Serie endet ohne sechsten Versuch
Pogačar gewann Il Lombardia von 2021 bis 2025 fünfmal hintereinander und stellte damit den Siegrekord von Fausto Coppi ein. Der Italiener triumphierte ebenfalls fünfmal, allerdings nicht in fünf aufeinanderfolgenden Jahren. Mit einem weiteren Erfolg hätte Pogačar also alleiniger Rekordhalter werden können. Stattdessen steht bereits fest, dass erstmals seit Jakob Fuglsangs Triumph 2020 wieder ein anderer Fahrer ganz oben stehen wird.
Der Slowene musste seine Saison nach einem schweren Sturz auf der achten Etappe der Vuelta vorzeitig beenden. Unter anderem erlitt er einen Schlüsselbeinbruch und eine stabile Fraktur am siebten Halswirbel. Eine Rückkehr für die Weltmeisterschaft, die Heim-EM und Il Lombardia wurde anschließend ausgeschlossen.
Evenepoel nimmt den ersten Lombardia-Sieg ins Visier
Der prominenteste Anwärter auf Pogačars Nachfolge ist Remco Evenepoel. Der Belgier wurde sowohl 2024 als auch 2025 Zweiter und stand bei fünf bisherigen Teilnahmen insgesamt dreimal in den Top Ten. Ein Sieg bei der „Classica delle Foglie Morte“ fehlt ihm bislang allerdings noch.
Wie gut Evenepoel derzeit in Form ist, zeigte er erst am vergangenen Wochenende in Slowenien, als er Giulio Ciccone im Fotofinish knapp schlug und Europameister im Straßenrennen wurde. Zuvor hatte er bereits bei der WM das Zeitfahren gewonnen. Auf einen Start im EM-Zeitfahren verzichtete der 26-Jährige sogar bewusst, um sich auf Il Lombardia zu konzentrieren.
Mit Primož Roglič verfügt Red Bull-Bora-hansgrohe zudem über eine zweite hochkarätige Option. Der 36-Jährige krönte seine Heim-EM am Mittwoch mit Gold im Zeitfahren und reist ebenfalls mit viel Selbstvertrauen nach Italien.
McNulty und Del Toro führen starkes UAE-Team an
Trotz Pogačars Ausfall stellt das UAE Team Emirates-XRG eine der stärksten Mannschaften. Brandon McNulty trägt seit seinem 33 Kilometer langen Solo bei der Straßen-WM in Montréal das Regenbogentrikot. Danach wurde er unter anderem Zweiter bei der Coppa Agostoni und zeigte damit, dass seine Form auch nach dem WM-Höhepunkt anhält.
Neben McNulty verfügt UAE mit Isaac del Toro über einen zweiten Siegkandidaten. Der erst 22-jährige Mexikaner wurde bei seinem Lombardia-Debüt im Vorjahr bereits Fünfter und feierte 2026 unter anderem Gesamtsiege bei der UAE Tour und Tirreno-Adriatico sowie Rang drei bei seiner ersten Tour de France.
Ein kleines Fragezeichen steht allerdings hinter seinem Knie, denn nach der Rückkehr aus Nordamerika sprach Del Toro von leichten Schmerzen. Bei Gran Piemonte konnte er am Donnerstag dennoch am entscheidenden Anstieg attackieren und wurde gemeinsam mit Finn Fisher-Black erst 1,5 Kilometer vor dem Ziel wieder gestellt.
Zu den weiteren Kandidaten gehören EM-Zweiter Giulio Ciccone, Tom Pidcock, Paul Seixas, Matteo Jorgenson und Michael Storer. Auch Bauke Mollema steht am Start: Der Lombardia-Sieger von 2019 bestreitet ausgerechnet bei diesem Rennen den letzten Wettkampf seiner Karriere.
4.600 Höhenmeter und ein brutales Finale in Como
Die Strecke bietet reichlich Gelegenheit für Angriffe. Von Bergamo nach Como sind 239 Kilometer, neun gewertete Anstiege und rund 4.600 Höhenmeter zu bewältigen. Nach einer anspruchsvollen ersten Rennhälfte führt die Route über den berühmten Anstieg Madonna del Ghisallo ins entscheidende Finale.
In Como wartet eine 22 Kilometer lange Schlussrunde. San Fermo della Battaglia wird zweimal gefahren, dazwischen liegt der besonders schwere Civiglio mit rund 4,2 Kilometern und knapp zehn Prozent durchschnittlicher Steigung. Nach der letzten Überfahrt über San Fermo bleiben nur noch rund fünf Kilometer, größtenteils bergab, bis ins Ziel.
In den vergangenen Jahren war durch Pogačars Dominanz oft früh klar, wohin das Rennen laufen würde. Diesmal gibt es keinen Fahrer, an dem sich alle orientieren. Die 120. Ausgabe von Il Lombardia dürfte deshalb taktisch deutlich offener verlaufen als zuletzt.