Die Niederlande haben einen prominenten Nachfolger für Ronald Koeman gefunden. Xavi Hernández übernimmt die Nationalmannschaft und unterschrieb beim KNVB einen Vertrag bis einschließlich der Weltmeisterschaft 2030. Für den 46-jährigen Spanier ist es die erste Tätigkeit als Nationaltrainer und zugleich die Rückkehr auf die Trainerbank nach mehr als zwei Jahren Pause. Xavi ist außerdem der erste ausländische Bondscoach seit dem Österreicher Ernst Happel, der die Niederlande 1978 ins WM-Finale führte.
Eine interessante Parallele gibt es ebenfalls: Schon beim FC Barcelona folgte Xavi im November 2021 auf Koeman. Nun übernimmt er erneut dessen Mannschaft – diesmal allerdings unter völlig anderen Voraussetzungen.
Koemans WM endet mit einem taktischen Bruch
Koemans zweite Amtszeit verlief keineswegs erfolglos. Bei der EM 2024 erreichten die Niederlande das Halbfinale, bei der WM 2026 waren die Erwartungen entsprechend hoch. In der Gruppenphase deutete zunächst vieles auf ein starkes Turnier hin: Auf ein 2:2 gegen Japan folgten ein 5:1 gegen Schweden und ein 3:1 gegen Tunesien. Oranje gewann die Gruppe mit zehn erzielten Treffern.
Ausgerechnet im ersten K.-o.-Spiel gegen Marokko vollzog Koeman jedoch einen deutlichen Kurswechsel. Statt der gewohnten Viererkette begann er mit fünf Verteidigern. Es war das erste Mal seit März 2024, dass die Niederlande mit einer Fünferkette starteten – in den 31 Spielen dazwischen starteten die Niederlande stets mit einer Viererkette.
Die defensivere Ausrichtung brachte zwar mehr Absicherung, kostete Oranje aber viel von seiner offensiven Durchschlagskraft. In 120 Minuten kamen die Niederlande lediglich auf sechs Abschlüsse und einen Expected-Goals-Wert von 0,23. Marokko erspielte sich aus elf Schussversuchen einen xG-Wert von 1,4 und kam zu fünf Großchancen. Cody Gakpo brachte die Niederländer dennoch in Führung, ehe Issa Diop in der Nachspielzeit ausglich. Im Elfmeterschießen setzte sich Marokko mit 3:2 durch.
Koeman verteidigte seine taktische Entscheidung anschließend und betonte, dass er denselben Ansatz erneut wählen würde. Einen Tag nach dem Ausscheiden gab er schließlich bekannt, seinen auslaufenden Vertrag als Bondscoach nicht zu verlängern.
Xavi sieht sich als „Sohn des niederländischen Fußballs“
Mit Xavi entscheidet sich der KNVB nun bewusst für einen Trainer, dessen fußballerische Ideen eng mit der niederländischen Schule verbunden sind. Johan Cruyff und Rinus Michels prägten die Spielphilosophie des FC Barcelona nachhaltig, während Xavi selbst unter Louis van Gaal und Frank Rijkaard spielte. Van Gaal war 1998 auch jener Trainer, unter dem er sein Profidebüt für Barcelona gab.
„Es ist eine große Ehre, Trainer der niederländischen Nationalmannschaft zu werden. Als jemand, der in der Akademie des FC Barcelona ausgebildet wurde und stark von unter anderem Johan Cruyff und Rinus Michels beeinflusst wurde, fühle ich eine besondere Verbindung zum niederländischen Fußball. Man könnte sagen, dass ich in gewisser Weise ein Sohn des niederländischen Fußballs bin“, erklärte Xavi anlässlich seiner Verpflichtung.
Seine Vorstellung davon, wie Oranje künftig auftreten soll, formulierte der Spanier ebenfalls deutlich: „Die Niederlande haben eine reiche Fußballkultur und eine klare Vision, die mich sehr anspricht: offensiver Fußball, basierend auf Ballbesitz, mit Kreativität, Leidenschaft und Überzeugung.“ Gewinnen bleibe das wichtigste Ziel, er wolle dies aber auf eine Art erreichen, „die den Menschen Freude beim Zuschauen bereitet“.
Was Xavi als Trainer auszeichnet
Seine Trainerkarriere begann Xavi 2019 bei Al-Sadd. In Katar gewann er sieben Titel und führte den Klub zudem bis ins Halbfinale der AFC Champions League. Im Herbst 2021 holte ihn der FC Barcelona als Nachfolger von Koeman zurück.
Seinen größten Erfolg feierte Xavi in der Saison 2022/23. Barcelona wurde erstmals seit 2019 wieder spanischer Meister und gewann zudem den spanischen Supercup. Auffällig war dabei, dass die Mannschaft nicht nur über Ballbesitz und Positionsspiel funktionierte, sondern defensiv enorm stabil war. Torhüter Marc-André ter Stegen blieb in 26 Ligapartien ohne Gegentor.
Die folgende Saison verlief wesentlich schwieriger. Barcelona blieb ohne Titel, wurde mit zehn Punkten Rückstand auf Real Madrid Zweiter und scheiterte in der Champions League im Viertelfinale an Paris Saint-Germain. Im Mai 2024 endete Xavis Amtszeit nach 142 Pflichtspielen mit 90 Siegen, 23 Unentschieden und 29 Niederlagen.
Ballbesitz, Überladungen und aggressives Pressing
Taktisch setzt Xavi grundsätzlich auf eine 4-3-3-Formation, zeigt sich dabei aber flexibel. Bei Barcelona ließ er Frenkie de Jong beispielsweise häufig neben Sergio Busquets aufbauen, wodurch aus dem nominellen Mittelfeld mit einer Sechs eine Art Doppelsechs entstand. Ziel war es, Überzahl im Zentrum herzustellen, das gegnerische Pressing anzulocken und anschließend freie Spieler zwischen den Linien oder auf den Flügeln zu finden.
Typisch für seine Mannschaften sind außerdem eine hohe Abwehrlinie und der Versuch, den Ball nach Verlust möglichst schnell zurückzuerobern. Bereits bei Al-Sadd wechselte Xavi abhängig vom gegnerischen Pressing zwischen einem 4-3-3 und einem 4-2-3-1. Er verlangt also zwar klare Prinzipien, passt die genaue Struktur aber an den Gegner an.
Gerade Frenkie de Jong könnte dabei eine zentrale Rolle einnehmen. Xavi kennt den Mittelfeldspieler bestens aus Barcelona und setzte ihn dort gezielt ein, um den Aufbau zu strukturieren und im Zentrum Überzahl zu schaffen.
Erster großer Test gegen Deutschland
Der niederländische Verband sieht in Xavi genau diesen Mix aus klarer Spielidee und taktischer Flexibilität. Direktor Nigel de Jong erklärte, die gewünschte Ausrichtung bestehe darin, „die Initiative zu ergreifen sowie dominant und attraktiv zu spielen“, ohne dabei die Anforderungen des modernen Spitzenfußballs aus den Augen zu verlieren.
Eine Herausforderung bleibt die begrenzte Trainingszeit im Nationalteam. Xavi wird seine komplexen Positionsspiel-Ideen deutlich schneller vermitteln müssen als im Klubfußball. Gleichzeitig übernimmt er einen Kader mit vielen technisch starken Spielern, bei dem die WM gezeigt hatte, dass die Probleme weniger in der individuellen Klasse als in der Abstimmung und Spielanlage lagen.
Auch der Trainerstab ist noch nicht komplett. Xavi kündigte an, dabei ausdrücklich auf niederländischen Einfluss setzen zu wollen, um Wissen über Spieler, Fußballkultur und Umfeld einzubinden.
Viel Zeit für die Eingewöhnung bleibt nicht. Sein erstes Spiel als Bondscoach bestreitet Xavi bereits am 24. September gegen Deutschland in der Nations League. Langfristig zählen die EM 2028 und schließlich die Weltmeisterschaft 2030 zu den großen Zielen.