Zidane veränderte seine Startelf gegenüber dem 1:0 in der Türkei gleich auf neun Positionen. Dennoch bestimmte Frankreich das Spiel mit 65 Prozent Ballbesitz und 18:12 Abschlüssen, ohne sich allerdings deutlich mehr Torgefahr zu erarbeiten. Beim xG-Wert lagen die Gäste mit 1,15:0,74 nur leicht vorne. Die Art und Weise, wie auch die zweite Reihe Zidanes taktische Vorstellungen umsetzte, dürfte dem neuen Teamchef aber gefallen haben.
Zidanes Rotation ändert nichts an Frankreichs Spielidee
Die zahlreichen Änderungen in der Startelf waren laut Zidane keineswegs spontan. Bei vier Spielen innerhalb dieses Lehrgangs habe für ihn von Beginn an festgestanden, dass er seinen gesamten Kader benötigen werde. Entscheidend sei gewesen, dass die Wechsel nichts an der grundsätzlichen Spielidee änderten. Genau das habe seine neu formierte Mannschaft gezeigt.
Frankreich begann in einem 4-3-3, verteidigte je nach Spielsituation aber unterschiedlich. Bei längerem belgischen Ballbesitz entstand häufig ein kompaktes 4-4-2 beziehungsweise 4-2-3-1, das vor allem die Passwege ins Zentrum schließen sollte. Im hohen Pressing orientierten sich die Franzosen dagegen sehr mannbezogen und schoben teilweise über den gesamten Platz aggressiv nach.
Das Ziel war klar: Belgien durfte den Ball zunächst bei den Innenverteidigern haben, sollte ihn aber nicht sauber zu Roméo Lavia, Youri Tielemans oder Kevin De Bruyne ins Zentrum bringen. Sobald der Ball nach außen gespielt wurde, rückte Frankreich von innen heraus auf den belgischen Außenverteidiger und versuchte, den Gegner an der Seitenlinie festzumachen.
Frankreich überspielt Belgiens Pressing
Belgien wollte seinerseits hoch anlaufen, bekam aber gerade in der ersten Hälfte nur selten ausreichend Zugriff. Die Abstände zwischen der ersten Pressinglinie und dem Mittelfeld waren häufig zu groß. Frankreich konnte sich deshalb immer wieder aus dem Druck lösen und anschließend mit Tempo in freie Räume vorstoßen.
Zidane sprach nach dem Spiel ausführlich über diesen Aspekt. Er wolle einen sauberen Spielaufbau und schnelle Verbindungen zu den offensiven Spielern. Besonders Lucas Da Cunha habe diese Rolle im Zentrum sehr gut interpretiert. Für Zidane geht es dabei nicht nur um Ästhetik: Je länger Frankreich selbst den Ball kontrolliert, desto weniger muss die Mannschaft hinterherlaufen. Die Zahlen verdeutlichen diese Kontrolle. Frankreich spielte 681 Pässe, von denen 629 ankamen. Belgien brachte lediglich 306 Zuspiele zum Mitspieler.
Doué bringt Belgiens Defensive ins Wanken
Der auffälligste Offensivspieler war Désiré Doué. Der 21-Jährige suchte von der rechten Seite immer wieder das direkte Duell und zwang die belgische Defensive dadurch aus ihrer Ordnung. Er kam auf fünf Abschlüsse, fünf erfolgreiche Dribblings und bereitete vier Chancen vor. Insgesamt hatte Doué alleine 16 Ballkontakte im belgischen Strafraum.
Nach zwölf Minuten ließ er mehrere Gegenspieler stehen und traf die Latte. Später bereitete er eine gute Gelegenheit für Esteban Lepaul vor. Auch nach der Pause blieb er der größte Unruheherd.
Belgien fand gegen diese Aktionen lange keine optimale Antwort. Gerade wenn die Gastgeber selbst hoch pressten, entstanden hinter der ersten Linie Räume, die Frankreich nach überspieltem Druck sofort attackieren konnte.
Auch Zidane war mit den vielen neuen Gesichtern zufrieden. Besonders Jérémy Jacquet und Da Cunha lobte er ausdrücklich. Ihre Leistungen hätten ihn nicht überrascht, vielmehr hätten sie bestätigt, dass er ihnen auch auf diesem Niveau vertrauen könne. Auch Stade-Rennes-Stürmer Lepaul erhielt trotz fehlenden Tores Anerkennung: Für Zidane war entscheidend, wie intensiv der Angreifer anlief, Räume besetzte und sich in die Mannschaftsarbeit einfügte.
In Belgiens bester Phase hält Maignan die Null
Nach der Pause zog sich Belgien etwas tiefer zurück. Damit verschwanden die großen Räume hinter dem ersten Pressing, und Frankreich musste geduldiger aufbauen. Die Außenverteidiger Kalulu und Diouf rückten nun häufiger nach vorne, allerdings fast nie gleichzeitig. Ging einer mit, blieb der andere zur Absicherung tiefer.
Frankreich kontrollierte so lange das Spiel, ohne den Führungstreffer zu erzielen. Lucas Da Cunha traf die Stange, gleichzeitig wurde Belgien ab der 70. Minute gefährlicher. Sechs der zwölf belgischen Abschlüsse entstanden nach der 73. Minute.
Vor allem Joker Dodi Lukébakio brachte Tempo in die Partie und scheiterte zweimal an Mike Maignan. Zidane hob seinen Torhüter anschließend ausdrücklich hervor. Belgien habe durchaus zwei oder drei gute Möglichkeiten gehabt, doch Maignan sei in diesen Situationen außergewöhnlich stark gewesen. Auch das zweite Spiel ohne Gegentor wertete Zidane als wichtigen Fortschritt.
Olise belohnt Frankreichs Überlegenheit
Ausgerechnet während Belgiens stärkster Phase fiel schließlich das Siegtor. Zidane hatte Rayan Cherki und Michael Olise eingewechselt, was sich schließlich bezahlt machen sollte.
Frankreich befreite sich aus einer belgischen Druckphase und schaltete schnell um. Cherki setzte Olise ein, der Fahrt aufnahm, Maxim De Cuyper abschüttelte und den Ball in der 88. Minute präzise ins lange Eck setzte.
Frankreich gewann damit auch das zweite Spiel unter Zidane und hält nach zwei Runden beim Punktemaximum. Der Teamchef wollte den Erfolg dennoch nicht überbewerten. Seine Mannschaft habe lediglich den nächsten Schritt gemacht. Besonders zufrieden dürfte ihn aber machen, dass neun Änderungen kaum Auswirkungen auf die Spielidee hatten – und dass Frankreich mit sechs Punkten im Rücken nun auf Italien trifft.