Kaum eine große Karriere verlief so paradox wie jene Messis mit der Albiceleste. Jahrelang wurde dem besten Klubfußballer seiner Generation vorgeworfen, ausgerechnet für sein Heimatland nicht dieselben Höhen erreichen zu können. Seine größten Sternstunden mit Argentinien erlebte Messi schließlich erst in einem Alter, in dem andere längst ihren Rücktritt planen.
Das Debüt endet nach wenigen Sekunden
Dabei begann die Geschichte denkbar schlecht. Am 17. August 2005 wurde der damals gerade einmal 18-jährige Messi in einem Testspiel gegen Ungarn eingewechselt. Weniger als eine Minute später war sein Debüt bereits wieder vorbei: Nach einem Zweikampf wertete der Schiedsrichter eine Armbewegung des Youngsters als Tätlichkeit und zeigte Rot.
Messi war zu diesem Zeitpunkt längst kein Unbekannter mehr. Wenige Wochen zuvor hatte er Argentinien bei der U20-Weltmeisterschaft zum Titel geführt, war mit sechs Treffern Torschützenkönig geworden und gleichzeitig zum besten Spieler des Turniers gewählt worden.
Sein erstes Tor für die A-Nationalmannschaft folgte am 1. März 2006 gegen Kroatien. Wenige Monate später stand er bereits im argentinischen WM-Kader. Beim 6:0 gegen Serbien und Montenegro bereitete Messi nach seiner Einwechslung zunächst einen Treffer vor und erzielte anschließend selbst sein erstes WM-Tor. Mit 18 Jahren und 357 Tagen war endgültig klar, welches außergewöhnliche Talent Argentinien zur Verfügung stand.
Im Viertelfinale gegen Deutschland blieb Messi allerdings auf der Bank. Argentinien verlor im Elfmeterschießen – die erste von zahlreichen schmerzhaften WM-Erfahrungen.
Der Lupfer von 2007 als erstes großes Ausrufezeichen
Spätestens bei der Copa América 2007 war Messi kein Talent mehr, sondern einer der Stars des Teams. Im Halbfinale gegen Mexiko erzielte der damals 20-Jährige eines jener Tore, die später typisch für seine Karriere werden sollten: Er hob den Ball aus spitzem Winkel gefühlvoll über Torhüter Oswaldo Sánchez ins lange Eck.
Argentinien spielte ein starkes Turnier, verlor das Finale gegen Brasilien allerdings klar mit 0:3. Es war Messis erste knapp verlorene Endrunde mit der A-Nationalmannschaft – und bei weitem nicht die letzte.
2008 folgte zumindest olympisches Gold in Peking. Der olympische Wettbewerb zählt zwar nicht zur klassischen A-Nationalmannschaft, war für Messi aber dennoch der erste große Titel im argentinischen Trikot.
Bei der WM 2010 unter Teamchef Diego Maradona blieb der große Durchbruch auf der größten Bühne dagegen aus. Messi traf im gesamten Turnier nicht, Argentinien scheiterte im Viertelfinale mit 0:4 an Deutschland. Ein Jahr später endete auch die Copa América im eigenen Land enttäuschend: Im Viertelfinale war gegen Uruguay Schluss.
2014 fehlen nur wenige Minuten zum großen Traum
Vier Jahre später schien sich schließlich alles zu fügen. Messi führte Argentinien bei der WM 2014 in Brasilien mit vier Toren durch die Gruppenphase. Es war nicht die spektakulärste argentinische Mannschaft aller Zeiten, aber eine enorm unangenehm zu bespielende Auswahl, die sich mit Messi als offensivem Fixpunkt bis ins Finale kämpfte.
Dort wartete wieder Deutschland.
Argentinien hatte seine Möglichkeiten, Gonzalo Higuaín vergab die größte Chance. Nach 90 Minuten stand es 0:0. Erst in der 113. Minute traf Mario Götze zum deutschen Weltmeistertitel.
Messi erhielt anschließend zwar den Goldenen Ball als bester Spieler des Turniers, auf dem Podium wirkte die Auszeichnung jedoch beinahe wie ein Trostpreis. Der wichtigste Pokal stand wenige Meter entfernt – und gehörte Deutschland.
Was damals niemand ahnte: Noch schlimmer sollte es in den folgenden beiden Jahren werden.
Drei verlorene Finalspiele und der überraschende Rücktritt
2015 erreichte Argentinien erneut ein Endspiel. Im Copa-América-Finale gegen Gastgeber Chile fiel in 120 Minuten kein Tor, im Elfmeterschießen verlor die Albiceleste.
Ein Jahr später wiederholte sich die Geschichte bei der Copa América Centenario in den USA. Wieder Chile, wieder 0:0, wieder Elfmeterschießen. Diesmal verschoss Messi selbst. Sein Versuch flog über das Tor.
Es war das vierte verlorene Finale seiner A-Team-Karriere nach 2007, 2014 und 2015 und das dritte innerhalb von nur drei Jahren. Noch unmittelbar nach der Partie erklärte Messi völlig überraschend seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft.
Argentinien reagierte geschockt. In Buenos Aires wurde öffentlich für seine Rückkehr geworben, selbst Staatspräsident Mauricio Macri appellierte an den Superstar. Nach nur wenigen Wochen revidierte Messi seine Entscheidung.
Doch auch danach dauerte es, bis sich die Geschichte wirklich drehte. Zur WM 2018 schleppte sich Argentinien durch die Qualifikation, ehe Messi mit drei Toren im entscheidenden Spiel in Ecuador praktisch im Alleingang das WM-Ticket rettete. In Russland selbst folgte im Achtelfinale das Aus beim spektakulären 3:4 gegen den späteren Weltmeister Frankreich.
Scaloni und der Beginn einer neuen Ära
Der Wendepunkt kam mit Lionel Scaloni. Unter dem zunächst nur als Interimslösung vorgesehenen Teamchef entwickelte sich rund um Messi eine neue Mannschaft. Junge Spieler kamen hinzu, die Hierarchien veränderten sich und erstmals wirkte das Nationalteam nicht mehr wie eine Ansammlung von Stars, die darauf warteten, dass Messi das Spiel alleine entscheidet.
Bei der Copa América 2019 reichte es zunächst nur zu Platz drei. Zwei Jahre später kam schließlich jener Abend, der Messis gesamte Nationalteamkarriere veränderte.
Am 10. Juli 2021 traf Argentinien im Maracanã ausgerechnet auf Brasilien. Ángel Di María erzielte das einzige Tor. Als der Schlusspfiff ertönte, sank Messi zu Boden, ehe ihn seine Mitspieler unter sich begruben.
Mit 34 Jahren hatte er endlich seinen ersten großen Titel mit der A-Nationalmannschaft gewonnen. Messi war mit vier Treffern und fünf Assists zugleich der prägende Offensivspieler der „Copa“.
Katar macht die Karriere komplett
2022 gewann Argentinien zunächst die Finalissima gegen Europameister Italien mit 3:0. Danach kam Katar.
Das Turnier begann mit einer der größten WM-Sensationen überhaupt, einer 1:2-Niederlage gegen Saudi-Arabien. Im zweiten Gruppenspiel gegen Mexiko stand Argentinien lange unter enormem Druck – bis Messi aus rund 20 Metern flach ins Eck traf.
Es war vielleicht das wichtigste Tor seiner gesamten Nationalteamkarriere – und hielt Argentinien im Turnier, das noch legendär und zum großen Triumph von „La Pulga“ werden sollte.
Danach nahm das Turnier seinen bekannten Verlauf. Messi traf gegen Australien, die Niederlande und Kroatien und führte Argentinien ins Finale gegen Frankreich. Dort erzielte er zwei Tore, verwandelte zudem im Elfmeterschießen und durfte nach Gonzalo Montiels entscheidendem Elfer endlich den WM-Pokal in die Höhe stemmen.
Mit sieben Toren und drei Assists wurde Messi zum besten Spieler des Turniers gewählt. 16 Jahre nach seinem ersten WM-Auftritt war die entscheidende Lücke in seiner Karriere geschlossen.
Ein zweiter Copa-Titel und ein letztes WM-Finale
Messi hörte trotzdem nicht auf. 2024 verteidigte Argentinien in den USA seinen Copa-América-Titel. Im Finale gegen Kolumbien gewann die Albiceleste nach Verlängerung mit 1:0. Für Messi war es bereits der vierte große Titel innerhalb von vier Jahren.
Und sogar eine sechste Weltmeisterschaft nahm der mittlerweile 39-Jährige noch mit.
Bei der WM 2026 zeigte Messi noch einmal, weshalb er über zwei Jahrzehnte zu den außergewöhnlichsten Spielern der Welt gehörte. Mit acht Treffern führte er Argentinien bis ins Finale und gewann den Silbernen Schuh. Der perfekte Abschied blieb ihm jedoch verwehrt.
Ausgerechnet im selben Stadion in New Jersey, in dem er zehn Jahre zuvor nach dem verlorenen Copa-Finale gegen Chile seinen ersten Rücktritt erklärt hatte, endete auch sein letztes WM-Turnier. Spanien gewann das Finale durch ein Tor von Ferran Torres in der 106. Minute mit 1:0.
Wenige Wochen später gab Messi seinen endgültigen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt.
Aus Kritik wurde bedingungslose Verehrung
Nun bekommt die Geschichte noch einen letzten Abend. Gegen Benin wird Messi im Monumental zum 208. Mal für Argentinien auflaufen. Vor der Partie hält er bei 125 Länderspieltoren – selbstverständlich Rekord für sein Land – und mehr als 20 Jahren im Nationalteam.
Vor allem aber hat sich seine Beziehung zu Argentinien vollständig verändert. Lange wurde Messi vorgeworfen, für – damals noch – Barcelona besser zu spielen als für sein Heimatland, zu wenig Emotionen zu zeigen oder niemals dieselbe Verbindung zur Bevölkerung aufzubauen wie einst der große Diego Maradona.
Heute ist davon kaum noch etwas übrig.
Gerade die vielen Niederlagen wurden im Rückblick zu einem entscheidenden Bestandteil seiner Geschichte. Messi gewann seinen ersten großen A-Nationalteamtitel erst mit 34, wurde mit 35 Weltmeister und führte Argentinien mit 39 noch einmal in ein WM-Finale.
Der Junge, dessen erstes Länderspiel nach wenigen Sekunden mit einer Roten Karte endete, verabschiedet sich deshalb nicht nur als Rekordspieler und Rekordtorschütze seines Landes. Er geht als jener Spieler, der lange auf seine größten Momente warten musste – und sie gerade deshalb umso nachhaltiger prägte.