Sturm nutzte die Fehler im Marseiller Spielaufbau mehrfach für schnelle Gegenangriffe und hatte trotz wesentlich geringerer Spielanteile die besseren Möglichkeiten. Nach dem 0:0 gegen Rennes und der 0:3-Niederlage in Bournemouth feierten die Grazer damit ihren ersten Sieg in der laufenden Ligaphase.
Sturm weiterhin ersatzgeschwächt, Marseille rotiert
Ingolitsch musste weiterhin auf mehrere wichtige Spieler verzichten. Neben dem schwer verletzten Torhüter Daniil Khudyakov fehlten unter anderem Otar Kiteishvili, Seedy Jatta und Nelson Weiper. Ammar Helac begann im Tor, Jacob Peter Hödl rückte gegenüber dem 6:1-Derbysieg gegen den GAK für Luís Balbo in die Startelf. Diakité führte erneut die Offensive an.
Marseille-Trainer Bruno Genesio nahm nach dem 5:2-Erfolg bei Angers mehrere Änderungen vor. Die Franzosen hatten einen durchwachsenen Saisonstart hinter sich, verfügten mit Spielern wie Amine Gouiri, Neal Maupay und Geoffrey Kondogbia aber über erhebliche individuelle Qualität.
Marseille wollte das Spiel mit langen Ballbesitzphasen bestimmen und über seine technisch starken Mittelfeldspieler nach vorne kombinieren. Sturm setzte dagegen auf frühes Anlaufen in ausgewählten Situationen, eine kompakte Defensive und schnelle Angriffe nach Ballgewinnen.
Diakité nutzt einen schweren Fehler zur Führung
Die Partie begann ausgeglichen. Marseille versuchte früh, über das Zentrum aufzubauen, während Sturm mit aggressivem Anlaufen die Passwege zustellte. Matoshi drang bereits in der sechsten Minute gefährlich in den Strafraum ein, wurde jedoch noch von Nayef Aguerd gestoppt.
In der 13. Minute führte Sturms frühes Anlaufen zum Erfolg. Marseille leistete sich im Aufbau einen folgenschweren Ballverlust: Kamissoko spielte rund 30 Meter vor dem eigenen Tor einen ungenauen Pass, den Luca Weinhandl abfing. Der junge Mittelfeldspieler reagierte sofort und steckte den Ball zu Diakité durch.
Der Stürmer setzte sich gegen seinen Gegenspieler durch, behielt vor Torhüter Jeffrey de Lange die Ruhe und schob zur 1:0-Führung ein. Nach seinen drei Treffern gegen den GAK gelang Diakité damit innerhalb weniger Tage bereits das vierte Tor.
Sturm bleibt auch nach dem 1:0 gefährlich
Marseille hatte danach wesentlich mehr Ballbesitz und verlagerte das Spiel zunehmend in die Grazer Hälfte. Die Gäste ließen den Ball häufig durch das Mittelfeld laufen, fanden gegen die eng gestaffelte Sturm-Abwehr aber nur selten freie Anspielstationen in Strafraumnähe.
Gouiri sorgte mit einer Einzelaktion für Gefahr, Maupay konnte die Möglichkeit allerdings nicht verwerten. Auf der Gegenseite blieb Sturm wesentlich direkter. Jacob Peter Hödl scheiterte nach einem schnellen Angriff an de Lange.
Noch näher kam Simon Seidl dem zweiten Treffer. Nach einem weiteren Fehler im Marseiller Spielaufbau versuchte er, den weit vor seinem Tor stehenden Schlussmann Jeffrey de Lange mit einem Heber zu überwinden. Der Ball landete allerdings nur an der Latte.
Kurz vor der Pause hätte Marseille dennoch ausgleichen können. Abdallah kam nach einem Angriff zum Abschluss und traf ebenfalls die Stange. Insgesamt hatte Sturm in der ersten Hälfte aber die klareren Möglichkeiten. Marseille hatte zwar mehr Ballbesitz, brachte seine spielerische Überlegenheit jedoch kaum in gefährliche Abschlusspositionen.
Marseille erhöht nach der Pause den Druck
Genesio reagierte zur Halbzeit und brachte Himad Abdelli sowie Igor Paixão für Angel Gomes und Maupay. Der Trainer wollte damit mehr Bewegung und Kreativität in die Offensive bringen. Sturm musste seinerseits Diakité in der Pause durch Belmin Beganović ersetzen.
Die Franzosen schoben ihre Außenverteidiger weit nach vorne und versuchten, die Grazer Defensive mit schnellen Seitenwechseln auseinanderzuziehen. Sturm verteidigte nun tiefer, hielt die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen aber gering. Vor allem im Zentrum fanden die Gäste kaum Anspielstationen zwischen den Linien.
Deshalb verlagerte Marseille seine Angriffe zunehmend auf die Außenbahnen. Die Hereingaben fanden jedoch selten einen Abnehmer, während Schüsse aus der zweiten Reihe häufig geblockt wurden oder das Tor verfehlten. Den entscheidenden Pass durch die Grazer Defensive brachte Marseille kaum zustande.
Sturm musste wesentlich mehr Defensivarbeit leisten als vor der Pause und hatte zunehmend Schwierigkeiten, nach Ballgewinnen selbst gefährlich zu werden. Dennoch gelang es den Gastgebern immer wieder, Marseilles Angriffe frühzeitig zu unterbrechen. Auch in der Schlussphase blieb die Grazer Defensive kompakt und ließ kaum klare Möglichkeiten zu.
Marseilles Ballbesitz bleibt weitgehend wirkungslos
Marseille hatte am Ende 71,6 Prozent Ballbesitz und brachte 597 Pässe zum Mitspieler, Sturm lediglich 184. Trotzdem gelangen den Franzosen bei 14 Abschlüssen nur ein einziger Schuss aufs Tor. Das lag vor allem daran, dass Sturm die zentralen Räume geschlossen hielt und Marseille immer wieder auf die Außenbahnen zwang.
Dort fanden von 26 Flanken gerade einmal drei einen Mitspieler. Die Franzosen kamen zwar regelmäßig bis ins letzte Angriffsdrittel, fanden aber zu selten Wege hinter die Grazer Abwehr. Sturm verteidigte den eigenen Strafraum aufmerksam und verhinderte, dass Marseille aus den zahlreichen Ballbesitzphasen größere Torgefahr entwickelte.
Die Gastgeber gingen wesentlich zielstrebiger mit ihren wenigen Angriffen um. Obwohl Sturm weniger als 30 Prozent Ballbesitz hatte, gelangen 13 Abschlüsse, von denen fünf aufs Tor gingen. Besonders nach Fehlern im Marseiller Aufbau benötigten die Grazer nur wenige Pässe, um gefährlich zu werden.
Auch bei den Expected Goals lag Sturm mit 1,40:0,68 klar vorne. Trotz der großen Ballbesitzüberlegenheit erspielte sich Marseille somit wesentlich weniger hochwertige Torchancen.
Entscheidend war dabei die Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen. Sturm versuchte nicht, Marseille durchgehend hoch zu pressen, sondern attackierte gezielt dann, wenn sich eine Möglichkeit zum Ballgewinn bot. Sobald die Franzosen das erste Anlaufen überspielten, zogen sich die Grazer geschlossen zurück. Marseille fehlten sowohl die Bewegung ohne Ball als auch die Genauigkeit bei den letzten Pässen, um diese defensive Ordnung häufiger aufzubrechen.
Sturm sichert sich wichtige Punkte in der Europa League
Mit dem Sieg erhöht Sturm sein Punktekonto auf vier Zähler und verbessert seine Chancen im Kampf um die Plätze für die K.-o.-Phase. Nach dem enttäuschenden Auftritt in Bournemouth gelang den Grazern damit eine wichtige Reaktion gegen einen individuell stark besetzten Gegner.
Am 5. November empfängt Sturm den slowenischen Vertreter NK Celje. Mit einem weiteren Heimsieg könnten die Grazer nach vier Spieltagen bereits sieben Punkte aufweisen und sich eine gute Position für die verbleibenden Begegnungen erarbeiten.
Gegen Marseille überzeugte Sturm vor allem mit seiner kompakten Defensive und dem schnellen Umschalten nach Ballgewinnen. Die Mannschaft von Ingolitsch ließ sich vom großen Ballbesitzvorteil der Franzosen nicht aus der Ordnung bringen und nutzte einen Fehler im Spielaufbau zum entscheidenden Treffer. Marseille blieb dagegen trotz seiner individuellen Qualität offensiv zu harmlos und musste die dritte Niederlage im dritten Europa-League-Spiel hinnehmen.