Nach 22 Kilometern lag Roglič 6,58 Sekunden vor dem Franzosen Bruno Armirail. Dessen Landsmann Maxime Decomble komplettierte mit knapp 29 Sekunden Rückstand das Podium. Für Slowenien war es ausgerechnet im letzten Elite-Bewerb die erste Medaille der Heim-EM – und gleich eine goldene.
Roglič legt am Možjanca den Grundstein
Der Kurs war deutlich anspruchsvoller als ein klassisches flaches Zeitfahren. Herzstück der Strecke war der rund zwei Kilometer lange Anstieg nach Možjanca mit durchschnittlich etwa zehn Prozent Steigung. Genau dort spielte Roglič seine Stärke aus.
Bereits bei der ersten Zwischenzeit nach acht Kilometern lag der Slowene vorne und hatte sich ungefähr 13 Sekunden Vorsprung auf Armirail erarbeitet. Danach folgten eine schnelle Abfahrt und ein deutlich flacherer zweiter Streckenteil. Dort konnte Armirail wieder Zeit gutmachen, doch Roglič brachte seinen Vorsprung ins Ziel.
Mit 28:16,61 Minuten erreichte Roglič eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 46,68 km/h. Angesichts des Profils war das eine bemerkenswerte Marke. Anders als auf einem völlig flachen Kurs ging es nicht nur um maximale Aerodynamik und konstante Leistung, sondern auch um das richtige Pacing am steilen Anstieg und den Übergang in die schnelleren Passagen.
Funk fällt bereits nach einem Kilometer aus
Umso bemerkenswerter war der Sieg, weil Roglič einen Großteil des Rennens ohne funktionierende Funkverbindung absolvieren musste. Bereits ungefähr nach dem ersten Kilometer fiel der Kontakt zum Begleitfahrzeug aus. Damit fehlten ihm während des Zeitfahrens Informationen über Zwischenzeiten, Rückstände und Vorsprünge.
Nach dem Rennen erklärte er, dass er kaum gewusst habe, wie er im Vergleich zur Konkurrenz liege, und sich deshalb vollständig auf seinen eigenen Rhythmus konzentriert habe. Er habe versucht, auf der Strecke alles herauszuholen – am Ende reichte es knapp für Gold.
Gerade bei einem Zeitfahren mit einem derart unterschiedlichen Profil ist diese fehlende Orientierung nicht unerheblich. Auf dem Anstieg zu früh über das Limit zu gehen hätte im schnellen Finale viel Zeit kosten können. Roglič gelang es dennoch, den schwierigen Kurs nahezu perfekt einzuteilen.
Emotionaler Triumph vor heimischem Publikum
Der Erfolg hatte für Roglič auch deshalb besonderes Gewicht, weil die Europameisterschaften in Slowenien stattfanden. Entlang der Strecke und besonders am Možjanca sorgten zahlreiche heimische Fans für eine außergewöhnliche Kulisse.
Für Slowenien war der Druck im Laufe der Titelkämpfe immer größer geworden. Die Gastgeber waren in den ersten 13 Bewerben ohne Medaille geblieben. Tadej Pogačar fehlte nach den Folgen seines Sturzes bei der Vuelta, während Roglič wenige Tage zuvor im Straßenrennen den zehnten Platz belegt hatte. Im abschließenden Zeitfahren blieb damit eine letzte große Chance auf einen Heimerfolg.
Nach seinem Sieg sprach Roglič davon, dass Erfolge auf slowenischem Boden für ihn selten seien und er diesen Tag deshalb wohl nie vergessen werde. Besonders emotional sei für ihn die Siegerehrung mit der slowenischen Hymne gewesen.
Zehn Jahre nach dem ersten großen Zeitfahr-Sieg
Der EM-Titel schließt zugleich einen bemerkenswerten Kreis in Rogličs Karriere. Vor genau zehn Jahren gelang ihm beim Giro d’Italia 2016 im anspruchsvollen Chianti-Zeitfahren einer seiner ersten großen Siege als Profi. Damals überraschte der frühere Skispringer die etablierte Konkurrenz auf einem hügeligen Kurs und deutete bereits an, welche Qualität er gegen die Uhr entwickeln würde.
Seinen bislang größten Erfolg im Zeitfahren feierte Roglič 2021 bei den Olympischen Spielen in Tokio. Dort gewann er Gold mit mehr als einer Minute Vorsprung auf Tom Dumoulin. Der Europameistertitel war die nächste bedeutende Meisterschaftsmedaille in dieser Disziplin.
Auch der Verlauf seiner Saison verleiht dem Triumph zusätzliche Bedeutung. Im Sommer wurde Roglič bei einer Trainingsfahrt von einem Auto angefahren und musste Teile seiner Vorbereitung auf die Vuelta a España streichen. Trotzdem beendete er die Spanien-Rundfahrt als Zweiter hinter Enric Mas. Wenige Wochen später folgte nun der EM-Titel vor heimischem Publikum.
Mit 36 Jahren zeigte Roglič damit einmal mehr, dass er auch in der späten Phase seiner Karriere auf höchstem Niveau konkurrenzfähig ist. Gerade die Kombination aus schwierigem Profil, knapper Entscheidung und emotionalem Heimrennen macht diesen Europameistertitel zu einem der besonderen Erfolge seiner langen Karriere.