Das Ergebnis fiel letztlich deutlich knapper aus, als es die Chancenverteilung vermuten lässt. PSG dominierte vor allem nach der Pause, ließ aber zahlreiche Möglichkeiten ungenutzt. Marseille hielt dank einer starken Defensivleistung und eines herausragenden Jeffrey De Lange lange dagegen, musste nach Timothy Weahs Platzverweis in der Schlussphase aber in Unterzahl weiterspielen.
Ferran zunächst nur Joker
Luis Enrique setzte zunächst auf Désiré Doué, Ousmane Dembélé und Khvicha Kvaratskhelia in der Offensive. Ferran Torres, der zuletzt in hervorragender Form gewesen war, begann überraschend auf der Bank. Warren Zaïre-Emery rückte wegen des verletzten Achraf Hakimi auf die rechte Abwehrseite, während Vitinha, João Neves und Fabián Ruiz das Mittelfeld bildeten.
Marseille-Trainer Bruno Genesio brachte Neal Maupay erstmals in dieser Ligue-1-Saison von Beginn an. Amine Gouiri, Amine Harit und Igor Paixão komplettierten die offensivere Ausrichtung der Gastgeber. Angel Gomes musste zunächst auf die Bank.
Marseille begann mutig und versuchte PSG mit viel Intensität aus dem gewohnten Rhythmus zu bringen. Nach einigen energischen Anfangsminuten übernahm Paris jedoch zunehmend die Kontrolle.
De Lange hält Marseille im Spiel
Der französische Meister hatte mehr vom Ball und drängte Marseille immer tiefer zurück. Die Gastgeber standen allerdings eng zusammen und machten insbesondere das Zentrum kompakt. PSG konnte den Ball zwar lange in der gegnerischen Hälfte halten, kam aber zunächst nicht sauber genug durch die letzte Linie.
Die erste große Möglichkeit entstand nach zehn Minuten über die linke Seite. Nuno Mendes tauchte im Strafraum auf und brachte den Ball aus spitzem Winkel an De Lange vorbei, doch CJ Egan-Riley klärte unmittelbar vor der Linie. Wenig später versuchte Dembélé den herauslaufenden Keeper zu überheben, setzte den Ball aber knapp über das Tor.
Marseille blieb bei schnellen Gegenstößen gefährlich, musste nach einer halben Stunde jedoch einen Rückschlag hinnehmen. Paixão verletzte sich und wurde durch Angel Gomes ersetzt.
Bis zur Pause häuften sich die Pariser Angriffe. Dembélé vergab kurz vor dem Seitenwechsel nach einer Hereingabe von Doué eine weitere gute Kopfballchance. PSG hatte in den ersten 45 Minuten bereits zwölf Abschlüsse abgegeben, Marseille lediglich drei. Weil die Gäste ihre Möglichkeiten nicht konsequent ausspielten und OM diszipliniert verteidigte, blieb es dennoch beim 0:0.
Ferran sticht sofort
Nach der Pause erhöhte PSG das Tempo deutlich. Doué und Kvaratskhelia kamen früh zu Abschlüssen, João Neves setzte einen Kopfball aus kurzer Distanz über das Tor. Marseille geriet nun immer stärker unter Druck, blieb bei seinen wenigen Gegenstößen aber gefährlich.
In der 59. Minute brachte Luis Enrique Ferran für Kvaratskhelia – und der Wechsel zahlte sich beinahe sofort aus. Sieben Minuten später setzte sich Doué auf der linken Seite durch und flankte in Richtung erster Stange. Ferran erkannte den Raum früh, löste sich von seinem Gegenspieler und köpfte zum 1:0 ein.
Der Spanier bestätigte damit erneut seine starke Form. Nur wenige Minuten später hätte er sogar nachlegen können, doch De Lange parierte seinen präzisen Abschluss stark.
Marquinhos antwortet auf Gomes
Ausgerechnet in einer Phase, in der PSG auf das 2:0 drängte, schlug Marseille zurück. Gouiri leitete in der 72. Minute einen schnellen Gegenangriff durch das Zentrum ein. Angel Gomes nahm Tempo auf, setzte sich im Strafraum gegen Willian Pacho durch und schob überlegt zum 1:1 ein.
Die Freude im Vélodrome hielt allerdings nur zwei Minuten. Nach einer Ecke blieb PSG im Angriff, Nuno Mendes brachte den Ball erneut in den Strafraum und Marquinhos reagierte im Zentrum am schnellsten. De Lange konnte den ersten Versuch noch abwehren, beim Nachsetzen des PSG-Kapitäns war er machtlos.
Für Marquinhos war es bereits der dritte Ligatreffer der Saison. Für einen Innenverteidiger ist das ein bemerkenswerter Wert und zugleich ein Hinweis darauf, wie gefährlich PSG bei Standards und zweiten Bällen auftreten kann.
Weah schwächt Marseille
Noch schwieriger wurde Marseilles Aufgabe in der 77. Minute. Timothy Weah, bereits vor der Pause verwarnt, hielt Nuno Mendes deutlich fest und sah die zweite Gelbe Karte.
Mit einem Mann mehr kontrollierte Paris die Schlussphase weitgehend. Dass kein weiterer Treffer fiel, lag vor allem an De Lange. Der Marseille-Keeper kam auf acht Paraden, sechs davon bei Abschlüssen innerhalb des Strafraums, und hielt seine Mannschaft mehrfach im Spiel.
Auch die Gesamtzahlen zeigen, dass Marseille bis zum Ende deutlich näher am Punktgewinn blieb, als es die Chancenverteilung eigentlich erwarten ließ. PSG hatte 31:12 Abschlüsse, brachte zehn davon auf das Tor und kam auf 50 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum. Marseille erreichte dort lediglich 27. Besonders Vitinha prägte die Pariser Kontrolle mit über 100 Pässen und einer Passquote von mehr als 90 Prozent, während Doué mit fünf herausgespielten Chancen einer der wichtigsten Kreativspieler war.
Die xG-Werte von 4,43 zu 1,29 zugunsten PSGs verdeutlichen vor allem eines: Paris hätte die Partie deutlich früher entscheiden müssen. Dass Marseille bis in die Schlussphase nur mit einem Tor zurücklag, war angesichts der Qualität und Menge der Pariser Chancen durchaus schmeichelhaft.
PSG findet langsam in die Spur
Für PSG ist der Derbysieg vor allem mit Blick auf den schwachen Ligastart wichtig. Nach Remis gegen Rennes und Lille, der Heimniederlage gegen Monaco und dem knappen 1:0 in Brest hatte der Titelverteidiger aus den ersten vier Runden lediglich fünf Punkte geholt. Mit dem zweiten Ligasieg verbessert sich Paris nun auf acht Zähler und Rang sechs, liegt aber weiterhin fünf Punkte hinter Spitzenreiter Monaco.
Die Vorstellung in Marseille lieferte dabei durchaus positive Signale. PSG kontrollierte über lange Phasen das Zentrum, erhöhte nach der Pause merklich das Tempo und fand gegen die kompakte Defensive zunehmend Lösungen über die Flügel und Halbräume. Gleichzeitig bleibt die Chancenverwertung ein Thema, ebenso wie die Absicherung nach Ballverlusten – Marseilles Ausgleich entstand genau in einer Phase, in der Paris das Spiel eigentlich vollständig unter Kontrolle hatte.
Für Marseille verschärft sich die Situation dagegen weiter. Vier Niederlagen aus den ersten fünf Ligaspielen bedeuten mit lediglich drei Punkten Rang 17. Dass die Partie trotz der deutlichen Chancenverteilung bis in die Schlussphase offen blieb, lag vor allem an De Lange und der lange disziplinierten Defensivarbeit. Nach der Länderspielpause muss Genesios Mannschaft am 11. Oktober bei Troyes reagieren. PSG empfängt einen Tag zuvor Le Mans, ehe vier Tage später in der Champions League das Auswärtsspiel bei Manchester City wartet.