Ob damit auch Ronaldos mehr als zwei Jahrzehnte dauernde Karriere im portugiesischen Nationalteam beendet ist, bleibt vorerst offen. Einen Rücktritt erklärte der Rekordnationalspieler ausdrücklich nicht – sein auf Instagram angekündigtes späteres Statement über die Hintergründe seiner Entscheidung lässt jedoch viele Fragen unbeantwortet.
Ronaldo verliert seinen Platz in der Startelf
Dabei hatte die neue Ära unter Jorge Jesus zunächst ohne größere Nebengeräusche begonnen. Beim 1:0 gegen Wales zum Auftakt der Nations League stand Ronaldo noch in der Startelf. Vier Tage später änderte Jesus seine Mannschaft für das schwierige Auswärtsspiel in Norwegen deutlich und setzte im Angriff unter anderem auf Gonçalo Ramos und João Félix.
Portugal gewann in Oslo mit 2:1, während Ronaldo über die gesamte Spielzeit auf der Bank blieb. Es war das erste Mal seit 2008, dass der Superstar in einem Pflichtspiel für Portugal als einsatzbereiter Ersatzspieler überhaupt nicht zum Zug kam. Nach dem Abpfiff ging Ronaldo unmittelbar in Richtung Kabine und nahm nicht gemeinsam mit seinen Teamkollegen an der Verabschiedung der mitgereisten Fans teil.
Jorge Jesus erklärte danach, er habe durchaus über eine Einwechslung nachgedacht. Der Spielverlauf habe jedoch andere Qualitäten verlangt. Besonders Gonçalo Ramos und João Félix erhielten vom Trainer Lob für ihre Arbeit gegen den Ball und ihre Rolle im Pressing.
Jesus: „Wenn ich ihn brauche, kommt er rein“
In den folgenden Tagen verschärfte sich die Situation. Ronaldo absolvierte nicht das normale Mannschaftstraining und arbeitete stattdessen individuell. Der Präsident des portugiesischen Fußballverbands, Pedro Proença, änderte sogar seine Reisepläne und kam nach Skandinavien, um mit Ronaldo und Jesus zu sprechen.
Am Mittwoch versuchte Jesus auf der Pressekonferenz vor dem Dänemark-Spiel noch, die Diskussion herunterzuspielen. Er erklärte, mit Ronaldo bereits im Vorfeld vereinbart zu haben, dessen Belastung während der vier Spiele umfassenden Länderspielphase zu steuern. Der 41-Jährige sei ursprünglich weder für das Auswärtsspiel in Norwegen noch gegen Dänemark als Starter vorgesehen gewesen.
Gleichzeitig stellte Jesus die Hierarchie unmissverständlich klar. Gonçalo Ramos werde gegen Dänemark beginnen. Bei Ronaldo gelte: „Wenn ich ihn brauche, kommt er rein, wenn ich ihn nicht brauche, kommt er nicht rein.“ Der besondere Status seines Kapitäns bedeute Respekt vor dessen außergewöhnlicher Karriere, aber keine sportlichen Sonderrechte.
Wenig später fehlte Ronaldo entgegen der Ankündigung des Trainers erneut beim Mannschaftstraining und verließ das Stadion. Danach folgte die endgültige Abreise aus dem Teamcamp.
Ronaldo kündigt Erklärung an
Auf Instagram bestätigte Ronaldo seine Entscheidung selbst. Nach der Pressekonferenz des Trainers und einem Gespräch mit Verbandspräsident Proença habe er beschlossen, den Lehrgang zu verlassen. Die genauen Gründe nannte er nicht. Stattdessen kündigte er an, den Portugiesen zu einem späteren Zeitpunkt seine Sicht der Dinge ausführlich erklären zu wollen.
Zum Abschluss wünschte er Portugal und seinen Teamkollegen Erfolg für die kommenden Spiele. Der Verband reagierte mit einem knappen Statement und bestätigte lediglich, dass Ronaldo abgereist sei und die Vorbereitung mit den verbliebenen 24 Spielern fortgesetzt werde.
Nur wenige Tage zuvor hatte Ronaldo öffentlich noch eine ganz andere Botschaft vermittelt. Vor dem Wales-Spiel erklärte er, jede Entscheidung von Jesus akzeptieren zu wollen – egal ob er spiele, eingewechselt werde oder auf der Bank bleibe. Sollte er irgendwann das Gefühl haben, nicht mehr gebraucht zu werden, werde er selbst seine Sachen packen. Gleichzeitig bezeichnete er Jesus damals als die richtige Wahl für Portugal.
War es das für Ronaldo im Nationalteam?
Genau diese Aussagen verleihen der aktuellen Situation zusätzliche Brisanz. Ronaldo hat seinen Rücktritt nicht erklärt, doch in Portugal wird intensiv darüber diskutiert, ob die Ereignisse von Kopenhagen den Schlusspunkt unter seine Nationalmannschaftskarriere setzen könnten. Der 41-Jährige steht bei mittlerweile 234 Länderspielen und 146 Toren und führte Portugal unter anderem zum EM-Titel 2016 sowie zu den Nations-League-Triumphen 2019 und 2025.
Laut portugiesischen Medien soll sich Ronaldo in der Angelegenheit hintergangen fühlen und seine Entscheidung derzeit als endgültig betrachten. Offiziell bestätigt wurde das bislang allerdings weder von ihm selbst noch vom Verband. In Portugal wird deshalb zunehmend darüber spekuliert, ob seine Zeit im Nationalteam damit zu Ende gehen könnte.
Zusätzlich könnte noch eine disziplinarische Frage entstehen. Das Reglement des portugiesischen Verbands sieht für ein ungerechtfertigtes Verlassen eines Nationalteam-Lehrgangs eine Sperre zwischen einem und sechs Monaten vor. Ob der Verband Ronaldos Abreise überhaupt in diese Kategorie einordnet und ob ein Verfahren folgt, ist derzeit jedoch nicht geklärt.
Portugal muss sich jedenfalls zunächst ohne seinen langjährigen Kapitän auf das Sportliche konzentrieren. Nach Siegen gegen Wales und Norwegen führt der Titelverteidiger seine Nations-League-Gruppe mit sechs Punkten an. Nun folgen das Auswärtsspiel gegen Dänemark und am Sonntag das Heimspiel gegen Norwegen – während über allem die Frage steht, ob Cristiano Ronaldo noch einmal im portugiesischen Nationaltrikot zu sehen sein wird.