Mit seinem Triumph beendete McNulty gleichzeitig eine 33 Jahre lange Durststrecke der USA: Seit Lance Armstrong 1993 hatte kein US-Amerikaner mehr das WM-Straßenrennen der Elite gewonnen. Das Rennen bildete am Sonntag den Abschluss der einwöchigen Weltmeisterschaften in Kanada.
Offenes Rennen nach Pogačars Ausfall
Schon vor dem Start war klar, dass die WM ungewöhnlich offen werden könnte. Titelverteidiger Tadej Pogačar fehlte nach seinem schweren Sturz bei der Vuelta. Als größte Anwärter auf Gold galten deshalb vor allem Zeitfahrweltmeister Remco Evenepoel, Isaac del Toro, Paul Seixas, Mathieu van der Poel und Wout van Aert. Auch Tom Pidcock wurde auf dem anspruchsvollen Kurs einiges zugetraut.
McNulty gehörte dagegen eher zum erweiterten Kreis. Ganz überraschend kam seine starke Vorstellung allerdings nicht: Der Amerikaner hatte den Grand Prix von Montreal 2025 gewonnen, war bei der diesjährigen WM-Generalprobe auf demselben Terrain Dritter geworden und hatte eine Woche zuvor im WM-Zeitfahren den vierten Platz belegt.
Das Straßenrennen führte über 273,4 Kilometer und rund 3.800 Höhenmeter. Nach der langen Anfahrt nach Montreal warteten zwölf Runden auf dem anspruchsvollen Stadtkurs rund um den Mont Royal. Besonders die wiederholten Auffahrten auf der Voie Camillien-Houde sorgten dafür, dass das Feld zunehmend auseinanderfiel.
Zahlreiche Attacken zerlegen das Feld
Schon früh sorgten das hohe Tempo und zahlreiche Attacken dafür, dass das Feld immer weiter auseinanderfiel. Eine größere Ausreißergruppe bestimmte zunächst das Geschehen, ehe die Favoritenteams den Abstand auf dem Rundkurs deutlich reduzierten. Spätestens rund 90 Kilometer vor dem Ziel begann die entscheidende Phase mit zahlreichen Attacken.
Van der Poel fuhr besonders offensiv und setzte sich zwischenzeitlich gemeinsam mit Fahrern wie Van Aert und Primož Roglič ab. Dahinter versuchten unter anderem Del Toro, Seixas, Pidcock und Ben Healy immer wieder, starke Gruppen zu bilden. Rund 35 Kilometer vor dem Ziel kamen die wichtigsten Verfolger schließlich wieder zusammen.
Mehrere US-Fahrer befanden sich dabei in einer ausgezeichneten taktischen Position. Mit McNulty, Matteo Jorgenson und Quinn Simmons waren gleich drei Amerikaner vorne vertreten. Zunächst attackierte Jorgenson, kurz darauf setzte McNulty seinen entscheidenden Vorstoß.
McNultys Vorsprung schmilzt auf zehn Sekunden
McNulty setzte sich schnell ab und baute seinen Vorsprung zeitweise auf mehr als eine Minute aus. Dahinter fehlte es den Verfolgern an Einigkeit, während Jorgenson immer wieder auf Angriffe reagieren konnte, ohne selbst Führungsarbeit für die Jagd auf seinen Teamkollegen übernehmen zu müssen.
Auf der letzten Auffahrt zum Mont Royal wurde es dennoch noch einmal dramatisch. McNulty verlor deutlich an Tempo, während Pidcock und Giulio Ciccone den Abstand zwischenzeitlich auf nur noch zehn Sekunden reduzierten. Auch Van der Poel versuchte anschließend nochmals, die Lücke zu schließen.
Doch in der Verfolgergruppe fehlte die nötige Einigkeit, um McNulty noch einmal entscheidend unter Druck zu setzen. McNulty erholte sich noch einmal und brachte schließlich 13 Sekunden Vorsprung ins Ziel. Matthews gewann den Sprint um Silber vor Van der Poel. Del Toro wurde Fünfter, Pidcock Siebenter und Evenepoel Zwölfter. Seixas belegte nach Krämpfen nur Rang 15, Van Aert kam als 28. ins Ziel.
Evenepoel schreibt im Zeitfahren Geschichte
Evenepoel hatte bereits eine Woche zuvor für einen der Höhepunkte der WM gesorgt. Der Belgier gewann das 39,2 Kilometer lange Einzelzeitfahren in 44:53 Minuten und holte damit als erster Fahrer überhaupt vier WM-Titel in Folge in dieser Disziplin. Filippo Ganna wurde mit 57 Sekunden Rückstand Zweiter, der erst 20-jährige Seixas sicherte sich Bronze. Bei den Frauen verteidigte Marlen Reusser ihren Zeitfahr-Titel.
Im Straßenrennen der Frauen setzte sich Demi Vollering durch. Die Niederländerin gewann nach 180,1 Kilometern den Schlusssprint gegen Katarzyna Niewiadoma-Phinney und feierte ihren ersten WM-Titel auf der Straße. Elisa Longo Borghini wurde mit vier Sekunden Rückstand Dritte.
Aus österreichischer Sicht setzte Michael Hettegger das beste Ausrufezeichen. Der 18-Jährige belegte im Straßenrennen der Junioren den fünften Rang und verpasste die Bronzemedaille im Sprint nur knapp. Im Männer-Straßenrennen kam Felix Großschartner auf Rang 54, Felix Gall und Patrick Konrad erreichten das Ziel nicht.