Auf dem Papier spricht dennoch einiges für Rapid. Seit der 0:3-Heimniederlage im Dezember 2020 verloren die Grün-Weißen kein Bundesligaduell mehr gegen die WSG. Vor allem in Hütteldorf präsentiert sich die Mannschaft von Johannes Hoff Thorup derzeit ausgesprochen souverän: Alle drei Liga-Heimspiele wurden gewonnen, das Torverhältnis im Allianz Stadion lautet 12:1.
Rapid findet immer mehr spielerische Lösungen
Der größte Unterschied zur vergangenen Saison liegt nicht nur in den Ergebnissen. Rapid wirkt mit Ball wesentlich stabiler und kann inzwischen auf verschiedene Arten ins letzte Drittel gelangen. Das Zentrum um Matthias Seidl und Nicolas Bajlicz funktioniert trotz der vergleichsweise dünnen personellen Besetzung bemerkenswert gut.
Gerade Bajlicz sorgt mit seinen Aufdrehbewegungen und seinem progressiven Balltransport dafür, dass gegnerische Pressinglinien immer wieder überspielt werden. Gleichzeitig hat Seidl nach einer schwierigeren Phase wieder deutlich mehr Sicherheit gefunden. Das hilft Rapid dabei, Angriffe nicht ausschließlich über die Flügel aufzubauen, sondern auch kontrolliert durch die Halbräume zu kombinieren.
Davor befindet sich Yusuf Demir in einer seiner bislang stärksten Phasen im Rapid-Trikot. Der 23-Jährige verbindet seine technischen Fähigkeiten inzwischen wesentlich besser mit Intensität gegen den Ball. Zwei Tore und zwei Assists stehen in der Liga zu Buche, insgesamt zählt er in mehreren kreativen Offensivkategorien zu den auffälligsten Spielern des Bewerbs.
Auch die übrige Offensive verfügt mittlerweile über wesentlich mehr Varianten. Tonni Adamsen führt mit vier Treffern die interne Torschützenliste an, Petter Nosa Dahl hält bei drei Toren. Dazu stehen mit Marco Tilio, Ercan Kara, Nikolaus Wurmbrand, Moulaye Haidara und dem nach langer Verletzung zurückgekehrten Claudy Mbuyi zahlreiche unterschiedliche Profile zur Verfügung.
Adamsens Bewegungen könnten für die WSG zum Problem werden
Eine zentrale taktische Figur ist Adamsen. Der Däne agiert zwar nominell offensiv, lässt sich aber immer wieder weit in den Zwischenlinienraum zurückfallen oder weicht auf die Seiten aus. Dadurch werden gegnerische Verteidiger vor schwierige Entscheidungen gestellt: Folgen sie ihm, öffnen sich Räume hinter der letzten Linie; bleiben sie tief, kann Rapid rund um den Zehnerraum Überzahlen herstellen.
Genau diese Zonen muss die WSG kontrollieren. Philipp Semlic setzt bevorzugt auf ein 4-2-3-1, das gegen den Ball kompakt werden und anschließend schnell umschalten soll. Rapid dürfte wesentlich mehr Ballbesitz haben, sollte aber vermeiden, sich durch zu viele Spieler vor der gegnerischen Abwehr festzuspielen.
Die Tiroler haben nämlich gezeigt, dass sie auch stärkeren Gegnern Probleme bereiten können. Zum Auftakt holten sie ein 1:1 gegen Sturm Graz, anschließend folgten zwar Niederlagen gegen Altach und Salzburg, danach aber zwei bemerkenswerte Auswärtssiege: Austria Lustenau wurde mit 4:0 bezwungen, bei Austria Wien gewann die WSG 1:0. Zuletzt holte die Mannschaft gegen Hartberg nach einem 0:2-Rückstand noch ein 2:2.
Tiroler Kader bietet deutlich mehr Optionen
Dass die WSG trotz der Abgänge wichtiger Akteure wie Adam Stejskal, Valentino Müller und Jamie Lawrence so stabil wirkt, hängt auch mit einer gelungenen Kaderplanung zusammen. Salko Hamzić etablierte sich sofort als zuverlässige Nummer Eins, während die Defensive um Marco Boras, David Gugganig und Drew Murray insgesamt ordentlich funktioniert.
Besonders interessant ist die Mischung im Mittelfeld. Marc Striednig entwickelte sich früh zu einer wichtigen Figur, Matthäus Taferner blieb dem Klub erhalten und mit Thomas Goiginger, Nemanja Celic und Murat Satin besitzt Semlic zusätzliche Erfahrung. Die Leihe von Moritz Oswald bringt zudem taktische Flexibilität, weil der Rapid-Spieler im Zentrum und auf beiden Außenverteidigerpositionen eingesetzt werden kann.
Noch auffälliger ist die größere Auswahl in der Offensive. Michael Olakigbe bringt Tempo und Tiefgang, Husein Balić Bundesliga-Erfahrung und Moritz Wels kann mittlerweile sogar von der Bank kommen. Gegen Hartberg zeigten die Tiroler, was diese Tiefe bedeutet: Lukas Hinterseer verkürzte nach seiner Einwechslung, Thomas Sabitzer holte in der Nachspielzeit den Elfmeter heraus und der ebenfalls eingewechselte Satin verwandelte zum 2:2.
Mit jeweils zwei Treffern führen Olakigbe und Nikolai Baden Frederiksen die interne Torjägerliste an. Insgesamt kommt die WSG nach sechs Runden auf neun Tore – exakt so viele Gegentreffer musste sie allerdings auch hinnehmen.
Rapid muss den Favoritenstatus bestätigen
Personell reist die WSG nahezu vollständig nach Wien. Einzig Langzeitverletzter Quincy Butler steht nicht zur Verfügung. Semlic kann damit auch während der Partie auf zahlreiche Optionen reagieren.
Rapid geht dennoch als klarer Favorit in die Partie. Das liegt nicht nur an der starken direkten Bilanz, sondern vor allem an den bisherigen Heimauftritten. Gegen Altach gewann man 1:0, der GAK wurde mit 8:0 überrollt und gegen Sturm setzte sich Rapid mit 3:1 durch. Die einzige Saisonniederlage setzte es beim 1:5 in Salzburg, worauf die Hütteldorfer mit einem überzeugenden 3:0 beim WAC reagierten.
Gerade deshalb wird das WSG-Spiel zu einem interessanten Gradmesser. Rapid hatte in den vergangenen Jahren regelmäßig Schwierigkeiten, wenn es selbst das Spiel machen musste und der Gegner Räume konsequent verengte. Die bisherige Saison deutet an, dass Thorups Mannschaft mittlerweile mehr Antworten auf genau solche Aufgaben besitzt.
Die Tiroler wiederum können relativ frei aufspielen. Acht Punkte nach sechs Runden verschaffen ihnen eine komfortable Ausgangslage, während ein Punktgewinn in Hütteldorf den starken Saisonstart zusätzlich veredeln würde. Für Rapid wäre der vierte Heimsieg dagegen die nächste Bestätigung, dass die neue spielerische Stabilität nicht nur gegen stärkere Gegner, sondern auch gegen kompakte Außenseiter trägt.