Während Italien die erste Halbzeit klar dominierte und die türkische Defensive mit hohem Pressing, konsequentem Nachrücken und aggressiv besetzten Außenbahnen auseinandernahm, steigerte sich die Mannschaft von Vincenzo Montella nach der Pause erheblich. Die Expected-Goals-Werte von 2,58 : 2,53 zugunsten der Türkei verdeutlichen, wie stark das Endergebnis die tatsächlichen Kräfteverhältnisse nach 90 Minuten schlussendlich doch überzeichnete.
Mancinis neue Elf erwischt die Türkei kalt
Mancini reagierte auf die Niederlage gegen Belgien radikal und veränderte seine Startformation auf acht Positionen. Italien begann in einem 4-3-3, in dem Sandro Tonali als tiefster Mittelfeldspieler agierte und Davide Frattesi sowie Nicolò Fagioli davor viel Bewegungsfreiheit hatten. Francesco Pio Esposito besetzte das Sturmzentrum, flankiert von Giacomo Raspadori und seinem Bruder Sebastiano Esposito.
Die Türkei formierte sich nominell im 4-2-3-1, entwickelte gegen den Ball aber häufig eine flachere Mittelfeldstaffelung. Genau diese Ordnung konnte Italien in der ersten halben Stunde regelmäßig aufbrechen. Die Gäste pressten sehr hoch, zwangen die türkischen Aufbauspieler zu frühen Entscheidungen und fanden nach überspielter erster Linie schnell freie Räume.
Bereits in der neunten Minute fiel das 0:1. Nach einem Eckball bekam die Türkei den Ball nicht entscheidend geklärt, Alessandro Bastoni reagierte am schnellsten und brachte Italien in Führung. Es war der Startschuss für eine herausragende italienische Phase.
Vor allem die Abstände im türkischen Mittelfeld waren problematisch. Sobald Italien den ersten Druck überwunden hatte, konnte das Spiel schnell auf die Außenbahn verlagert werden. Michael Kayode nutzte diese Räume auf der rechten Seite hervorragend und wurde bei seinem Länderspieldebüt zu einem der entscheidenden Akteure.
Kayode und Frattesi bestrafen die offenen Räume
In der 22. Minute führte genau eine solche Aktion zum 0:2. Kayode kam links aus türkischer Sicht zum Abschluss, Altay Bayındır konnte nur abwehren und Frattesi verwertete den Abpraller. Fünf Minuten später stand Kayode selbst im Mittelpunkt: Pio Esposito legte ab, der Außenverteidiger schob flach zum 3:0 ein.
Zu diesem Zeitpunkt war die Partie taktisch völlig auf Italiens Seite gekippt. Nach 45 Minuten führte die Squadra Azzurra bei den Abschlüssen mit 10:2, bei den Schüssen aufs Tor mit 5:1 und bei den Abschlüssen innerhalb des Strafraums sogar mit 9:1. Die Türkei fand kaum Möglichkeiten, Arda Güler in gefährlichen Zonen anzuspielen, während Italien nach Ballgewinnen sofort mehrere Spieler nach vorne brachte.
Kayodes Debüt war dabei weit mehr als nur wegen seines Tores auffällig. Alle drei seiner Abschlüsse kamen aufs Tor, seine Chancen summierten sich auf 0,83 xG und beide Flanken fanden einen Mitspieler. Frattesi wiederum benötigte lediglich einen Abschluss für sein Tor, bereitete darüber hinaus aber drei weitere Abschlüsse seiner Kollegen vor. Seine Läufe aus dem Mittelfeld waren für die türkische Defensive nur schwer zu kontrollieren.
Auf der anderen Seite gehörten Zeki Çelik und Torhüter Bayındır zu den schwächeren Akteuren der Gastgeber. Çelik fand in der ersten Halbzeit kaum Zugriff auf die italienischen Verschiebebewegungen, während Bayındır zwar mehrfach parierte, beim Spielaufbau jedoch unsicher wirkte. Besonders folgenschwer wurde das später beim vierten Gegentreffer.
Montellas Dreifachwechsel verändert das Spiel
Montella reagierte zur Pause energisch. Merih Demiral, Orkun Kökçü und Can Uzun blieben in der Kabine, Abdülkerim Bardakcı, İsmail Yüksek und Kerem Aktürkoğlu kamen neu ins Spiel. Die Türkei schob ihre letzte Linie höher, attackierte Italiens Aufbau früher und spielte insgesamt mit deutlich mehr Risiko.
Die Wirkung war sofort sichtbar. Nur rund 90 Sekunden nach Wiederbeginn kombinierte sich die Türkei über die rechte Seite durch, Oğuz Aydın legte für Barış Alper Yılmaz auf, der auf 1:3 verkürzte.
Plötzlich entwickelte sich eine völlig andere Partie. Arda Güler bekam mehr Ballkontakte in höheren Zonen und übernahm zunehmend die Kontrolle über das türkische Angriffsspiel. Der Real-Madrid-Spieler war trotz der deutlichen Niederlage einer der auffälligsten Akteure auf dem Platz: 101 Ballkontakte, 63 erfolgreiche Pässe bei 71 Versuchen, vier Abschlüsse, elf gewonnene Duelle und fünf herausgeholte Fouls unterstreichen seinen Einfluss. Besonders nach der Pause trug er den Ball immer wieder durch Italiens Mittelfeld und brachte die Gäste deutlich stärker unter Druck.
Die türkische Hoffnung hielt allerdings nur drei Minuten. Ein missglückter Aufbau leitete den nächsten italienischen Angriff ein. Tonali traf zunächst die Stange, Pio Esposito reagierte im Strafraum am schnellsten und köpfelte zum 1:4 ein. Damit war das kurze Momentum der Gastgeber praktisch schon wieder beendet.
4:1 fällt deutlicher aus als das Spiel
Die Schlussphase verlief wesentlich ausgeglichener, mit zunehmender türkischer Feldüberlegenheit. Über 90 Minuten kam die Türkei schließlich auf 54 Prozent Ballbesitz, 15:14 Abschlüsse und 24:22 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum.
Besonders interessant sind die Expected Goals. Die Türkei kam auf 2,58 xG, Italien auf 2,53. Ein 1:4 lässt normalerweise eine klare Differenz bei der Qualität der Torchancen erwarten – davon kann hier keine Rede sein. Italiens Sieg war aufgrund der überragenden ersten Halbzeit und der besseren Effizienz verdient, die drei Tore Unterschied fallen allerdings deutlich zu hoch aus.
Ein entscheidender Unterschied war die Präzision. Italien brachte acht seiner 14 Abschlüsse aufs Tor, während die Türkei trotz 15 Versuchen nur zweimal Donnarumma prüfte. Die Italiener erzeugten zudem fast alle ihre wirklich gefährlichen Situationen innerhalb des Strafraums.
Pio Esposito verband dabei die Rolle des Zielspielers mit guter Kombinationstechnik. Neben seinem Treffer bereitete er das 3:0 vor und gewann wichtige Luftduelle. Bastoni stabilisierte wiederum die Defensive und brachte 57 seiner 66 Pässe zum Mitspieler. Als die Türkei nach der Pause drückte, räumte Giorgio Scalvini mit sechs Klärungsaktionen und mehreren Blocks vieles weg.
Mancini lobt Aggressivität – Montella nimmt Pfiffe an
Mancini war mit der Reaktion seiner stark veränderten Mannschaft entsprechend zufrieden. „Ich möchte nur über die Mannschaft sprechen, denn heute haben alle Spieler eine sehr gute Partie gemacht. Es war ein schwieriges Spiel und wir sind es richtig angegangen, indem wir über die gesamte Partie hoch und aggressiv geblieben sind“, erklärte der italienische Teamchef nach dem Spiel.
Montella bewertete die erste halbe Stunde dagegen ausgesprochen kritisch: „Wir sind in der ersten Halbzeit sehr schlecht gestartet und haben 30 Minuten gezeigt, die für uns ungewöhnlich waren. Man kann sagen, dass wir die Pfiffe und Buhrufe verdient haben.“ Der türkische Teamchef verwies zugleich auf die fehlende Gewöhnung seiner Mannschaft an Spiele auf diesem Niveau im Drei-Tages-Rhythmus, wollte dies jedoch ausdrücklich nicht als Ausrede verstanden wissen.
Für Italien bedeutet das 4:1 nach dem Fehlstart gegen Belgien die ersten drei Punkte unter Rückkehrer Mancini. Vor der nächsten schwierigen Aufgabe in Frankreich liefert vor allem die Leistung der jungen und neu eingesetzten Spieler Argumente. Die Türkei steht dagegen nach Niederlagen gegen Frankreich und Italien noch ohne Punkt da – und muss vor dem Auswärtsspiel in Belgien vor allem jene defensive Instabilität beheben, die Italien in Bursa innerhalb von weniger als einer halben Stunde gnadenlos bestrafte.