Die deutsche Mannschaft musste gegen Griechenland einen empfindlichen Rückschlag hinnehmen. Nach der Partie sprach Jürgen Klopp ausführlich über die fehlende Durchschlagskraft, die defensive Stabilität, die Reaktion der Fans und den weiteren Entwicklungsprozess seiner Mannschaft.
Griechenland bereitet Deutschland Probleme
„Das Schwerste im Fußball ist, gegen einen tiefen Block anzuspielen. Um das zu tun, muss man bestimmte Abläufe haben. Es hat uns natürlich überrascht, dass Griechenland so tief steht. In der Kürze der Zeit haben wir das offensichtlich noch nicht so erarbeiten können, wie es notwendig wäre.
Dass es trotzdem hätte funktionieren können, hat man in den ersten 15 Minuten nach der Halbzeit gesehen. Da war es genauso, wie es sein sollte. Wir haben in den richtigen Räumen gespielt, die Positionierung war richtig und wir waren sehr dominant in dieser Phase.
Griechenland hat jeden Abschlag lang geschlagen. Das ist ein Kampf um zweite Bälle. Das hat einmal besser ausgesehen, einmal weniger gut. Wenn wir das, was wir in den ersten 15 Minuten nach der Halbzeit gemacht haben, weitergemacht hätten, hätten wir ein anderes Spiel gesehen. Warum wir das nicht gemacht haben, kann ich in diesem Moment ehrlich gesagt nicht sagen. Das werden wir herausfinden.
Es war ein taktisch sehr disziplinierter Gegner, der hier auf eine bestimmte Art Punkte holen wollte, und es ist ihm geglückt. Wir wollten auf eine andere Art die Punkte holen beziehungsweise mussten auf eine andere Art versuchen, sie zu holen. Da kann man eindeutig konstatieren, dass uns das nicht gelungen ist.“
„Uns hat die Überzeugung gefehlt“
„Uns hat die Überzeugung gefehlt, das muss man so sagen. Jetzt sitze ich hier und sage, wir hätten mehr Überzeugung haben müssen – wir hatten sie nicht. Es ist mein Job, dafür zu sorgen, dass wir beim nächsten Mal mehr Überzeugung für so eine Situation haben.
Was den Kader angeht, bin ausschließlich ich verantwortlich. Das nehme ich voll auf meine Kappe, keine Frage. Für die Gesamtsituation bin ich verantwortlich. Details sind Fußball, und da passieren Dinge, die man teilweise erklären kann und manchmal eben auch nicht.
Ansonsten ist nichts passiert. Wir haben ein Spiel verloren und sollten das nicht zur Gewohnheit werden lassen. Es ist nicht das erste, das ich verloren habe. Es wäre extrem lässig, wenn es das letzte gewesen wäre. Da bin ich mir aber auch nicht so sicher. Es geht immer darum, dass man aus Spielen das Richtige mitnimmt.“
Tiefer Block als große Herausforderung
„Es gibt unendlich viele Wege, das zu knacken. Es ist nur so, dass es für jede Mannschaft schwierig ist. Für jede. Es gibt keine Mannschaft, für die es das nicht ist.
Wenn ich zum Beispiel an Bayern denke: Bayern spielt außen herum, muss geduldig sein, muss in die Breite spielen und versuchen, ständig die letzte Linie zu stressen. Die Breite und Tiefe ist wichtig. Am Ende braucht man trotzdem manchmal individuelle Qualität, damit einer den Ball einfach reinschießt. Aber darauf können wir uns natürlich nicht verlassen.
Ich kann kein Spiel so planen, dass ich sage: Wir machen das und das und am Ende haut einer den Ball einfach rein. Das ist die große Herausforderung im Fußball für jede Mannschaft, selbst für Spanien.“
Klopp übernimmt Verantwortung für die Aufstellung
„Um eine Mannschaft zu organisieren, muss die Defensive stabil sein. Es ist nicht so, dass wir uns nicht um die Offensive gekümmert haben, ganz im Gegenteil. Aber Stabilität wollten wir haben. Jetzt kann man sagen, wir haben nur ein Tor bekommen und können es als stabil bezeichnen. Es hat nur leider in diesen Langballmomenten auch nicht immer stabil ausgesehen.
Aber es war eine Viererkette, die meines Wissens so noch nie zusammengespielt hat. Dementsprechend ist so eine absolute Einschätzung auch nicht fair. Noch einmal: All das, wie wir heute da waren, die Aufstellung – das ist alles meine Entscheidung. Ausschließlich. Dafür können die Jungs nichts.“
„Im Camp hilft uns Euphorie nicht“
„Die Euphorie in Deutschland war riesig. Wenn sie jetzt weg ist, dann tut mir das echt sehr leid. Im Camp hilft uns Euphorie nicht. Die Stimmung untereinander war top, absolut top. So, wie sie in einem Trainingslager sein soll.
Wir werden das total positiv angehen und danach wieder darüber sprechen. Hoffentlich dann über deutlich mehr positive Dinge. Wir hatten heute ja positive Dinge. Der Torwart hat beim Schuss von Adeyemi und beim Freistoß von Kimmich sensationell reagiert. Es waren Möglichkeiten da. Younes Ebnoutalib war in gefährlichen Räumen. Wir hatten diese Momente.
Wenn einer davon reingeht, dreht sich das Spiel komplett. Das haben wir nicht gemacht. Dadurch ging der Plan von Griechenland praktisch von A bis Z auf und unserer nicht.“
Klopp erklärt seine Reaktion vor der Fankurve
Nach dem Spiel verabschiedete sich die deutsche Mannschaft von den Fans. Klopp erklärte anschließend auch, weshalb er seine Spieler schließlich vom Platz schickte.
„Ich habe geklatscht, um mich für die Unterstützung zu bedanken. Die Mannschaft hat da gestanden und stand ein bisschen betröppelt da. Das wollte ich jetzt auch nicht. Wir haben es nicht gut genug gemacht, aber alles versucht.
Dann ist es nicht so, dass man sich zig Minuten lang entschuldigen muss und so einen Eindruck erweckt, als hätten wir das heute absichtlich gemacht. Das ist nicht der Fall. Ich habe geschaut, wie lange sie da schon stehen, und ihnen dann gesagt: Jetzt könnt ihr gehen. Jetzt habt ihr euch lange genug entschuldigt.
Da waren auch Pfiffe dabei, wenn mich nicht alles täuscht. Das ist in Ordnung, kein Problem. Aber ich fand es nicht notwendig, die Jungs dort stehen zu lassen und sie auspfeifen zu lassen. Wir können das gerne machen. Ich stelle mich alleine hin, sie können mich auspfeifen, das ist kein Problem.“
Tür zur Nationalmannschaft bleibt offen
„Ich möchte ganz klar sagen: Wer in der jeweiligen Liga, in der er spielt, aufzeigt – ob das Bundesliga ist, Italien, La Liga oder sonst was –, für den wird immer eine Tür offen sein. Wer die Art Fußball, die wir spielen wollen, mitgehen will, für den wird immer eine Tür offen sein.
Der deutsche Fußball ist aktuell nicht in der besten Situation aller Zeiten und Jürgen Klopp kommt nicht vorbei, legt einmal kurz die Hand auf und löst alle Probleme. Ich wusste das vorher. Falls es irgendwer nicht wusste, dann wissen wir es jetzt.
Es geht ganz normal weiter. Das ist Entwicklung, wie sie aussehen kann. Schritte sind nie groß genug, es geht nie schnell genug. Aber am Ende geht es nur darum: Wird es in der näheren Zukunft einen Moment geben, an dem wir bereit sind, gegen jeden Gegner ein wirklich unangenehmer Gegner zu sein? Davon bin ich hundertprozentig überzeugt. Daran arbeiten wir jetzt weiter.“