Die Ausgangslage könnte einfacher kaum sein: Rapid benötigt nach dem 2:2 in Edinburgh einen Heimsieg, bei einem weiteren Remis würde es in die Verlängerung gehen. Anpfiff ist bereits um 18:45 Uhr. Trainer Johannes Hoff Thorup konnte seine Mannschaft erstmals seit Saisonbeginn eine komplette Woche lang auf eine Partie vorbereiten, weil das Bundesligaspiel gegen Salzburg verschoben wurde. Bis auf den erkrankten Jonas Auer, den in Reha befindlichen Jakob Schöller, sowie die Langzeitverletzten, steht dem Dänen der Kader weitgehend zur Verfügung.
Rapid ließ in Edinburgh eigentlich wenig zu
Das Hinspiel hinterließ bei Rapid gemischte Gefühle. Die Wiener kontrollierten vor allem die erste Halbzeit, gingen durch Serge-Philippe Raux-Yao verdient in Führung und schienen das Geschehen über weite Strecken im Griff zu haben. Nach der Pause genügte den Hearts allerdings eine kurze starke Phase, um das Spiel komplett zu drehen: Raux-Yao lenkte eine Hereingabe ins eigene Tor, sieben Minuten später überraschte James Wilson Niklas Hedl mit einem Distanzschuss zum 2:1.
Erst die Einwechslungen von Nikolaus Wurmbrand und Nicolas Bajlicz brachten Rapid wieder auf Kurs. Bajlicz bereitete in der 79. Minute den Ausgleich des ebenfalls eingewechselten Wurmbrand vor.
Dass Rapid dennoch durchaus mit Selbstvertrauen ins Rückspiel gehen kann, zeigen auch die tiefergehenden Zahlen. In der ersten Hälfte brachten es die Hearts lediglich auf rund 0,18 Expected Goals. Über die gesamte Partie blieben die Schotten offensiv weitgehend ungefährlich, während Rapid seine sechs Schüsse aufs Tor aus nur neun Abschlüssen produzierte und 61 Prozent Ballbesitz hatte. Vor allem im kontrollierten Aufbau wirkten die Hütteldorfer über längere Phasen reifer.
Genau dort setzt auch Thorup an. „Mit unserem Spielstil können wir sie dominieren, das haben wir schon gezeigt“, erklärte der Rapid-Trainer vor dem Rückspiel. Gleichzeitig müsse seine Mannschaft „vor dem Tor ein bisschen gefährlicher“ werden. Die Favoritenrolle nimmt der Däne bewusst an: Er sehe es als Kompliment, dass von Rapid der Aufstieg erwartet werde.
Hearts glauben weiterhin an ihre Chance
Unterschätzen sollte Rapid den schottischen Vizemeister dennoch nicht. Hearts-Trainer Wouter Vrancken bezeichnete das Rückspiel als „massive game“ und erwartet in Wien eine besondere Atmosphäre. Auf dem Papier sehe er seine Mannschaft zwar als Außenseiter, daraus lasse sich für ihn aber wenig ableiten. Seine Spieler hätten bereits im Hinspiel gespürt, dass sie Rapid ebenfalls unter Druck setzen und Phasen des Spiels dominieren könnten.
Personell könnte Vrancken zudem reagieren. James Wilson empfahl sich mit seinem sehenswerten Treffer im Hinspiel für einen Startelfplatz im Angriff. Der zuletzt verletzte Laurent Mendy steht wieder zur Verfügung, Linksverteidiger Harry Milne fehlt hingegen weiterhin. Selbst ein mögliches Elfmeterschießen wurde bei Hearts bereits in den vergangenen Wochen immer wieder trainiert.
Das größte Fragezeichen bleibt die schottische Defensive. Die Hearts kassierten in ihren bisherigen beiden Europacup-Auswärtsspielen dieser Saison zehn Treffer. Sturm Graz gewann gegen die Schotten mit 4:0, Benfica sogar mit 6:1. Gerade vor dem lautstarken Wiener Publikum wird es für die Mannschaft von Vrancken darum gehen, jene defensiven Schwächephasen zu vermeiden, die sie durch den gesamten Europacupsommer begleiten.
Auch finanziell steht viel auf dem Spiel
Für Rapid geht es nicht nur um einen weiteren Europacup-Herbst. Der Einzug in die Ligaphase garantiert alleine 3,17 Millionen Euro Startgeld. Hinzu kommen die Wertprämie, Einnahmen aus drei Heimspielen sowie die erfolgsabhängigen Ausschüttungen: Jeder Sieg in der Ligaphase bringt weitere 400.000 Euro, ein Remis 133.000 Euro. Dazu kommen Prämien für die abschließende Tabellenposition und ein mögliches Weiterkommen.
Unter Einbeziehung der garantierten und absehbaren Matchday-Einnahmen kann die Teilnahme für Rapid bereits einen Bruttoerlös in Richtung sieben Millionen Euro bedeuten. Sportlicher Erfolg in der Ligaphase würde diese Summe noch deutlich erhöhen. Für einen österreichischen Klub ist der Unterschied zwischen Aufstieg und Ausscheiden entsprechend erheblich.
Die Voraussetzungen sprechen dennoch für Rapid. Die Hütteldorfer haben ihre bisherigen vier Pflichtheimspiele dieser Saison allesamt gewonnen, zuletzt wurde der GAK mit 8:0 abgefertigt. Dazu bietet der Kader Thorup mehrere interessante Möglichkeiten von der Bank – genau diese Tiefe half bereits in Edinburgh beim Comeback zum 2:2.
Weitere ÖFB-Starter am Donnerstag im Einsatz
Am Donnerstag folgen die nächsten beiden österreichischen Entscheidungen. Salzburg empfängt um 19:00 Uhr Mjällby AIF und nimmt nach dem späten 1:0-Auswärtssieg in Schweden eine hervorragende Ausgangslage mit ins Rückspiel. Um 20:30 Uhr versucht die Wiener Austria gegen den SC Braga hingegen einen 0:2-Rückstand aufzuholen. Nach dem historischen Champions-League-Einzug des LASK könnte Österreich damit binnen 48 Stunden gleich mehrere weitere Plätze in den europäischen Ligaphasen fixieren.