Eigentlich war alles für einen weiteren Europacup-Abend im Westen Wiens angerichtet. Nach dem 2:2 in Edinburgh benötigte Rapid einen Heimsieg, um zum dritten Mal in Folge die Ligaphase der Conference League zu erreichen. Johannes Hoff Thorup vertraute dabei zum dritten Mal hintereinander derselben Startelf.
Die Grün-Weißen begannen ordentlich. Yusuf Demir prüfte Hearts-Torhüter Beau Reus früh mit einem Freistoß, kurz darauf scheiterte Tonni Adamsen aus spitzem Winkel. Rapid hatte mehr Ballbesitz und positionierte sich überwiegend in der Hälfte der Gäste, erzeugte daraus aber zunächst nur wenig wirkliche Gefahr.
Kara bringt Rapid auf Kurs
Nach einer guten halben Stunde fiel dennoch die Führung. Demir bereitete die Aktion vor, Ercan Kara kam im Strafraum zum Abschluss und stellte in der 34. Minute auf 1:0. Die Hearts hatten bis dahin kaum etwas angeboten und mussten bereits nach einer Viertelstunde den verletzten Tom Renaud durch Tomas Magnusson ersetzen.
Rapid war in der ersten Halbzeit nicht überragend und vor allem im letzten Drittel zu wenig zwingend, kontrollierte die Partie aber weitgehend. Genau deshalb ist umso schwerer zu erklären, was nach der Pause passierte.
Die Hütteldorfer überließen einem Gegner, der in den ersten 45 Minuten mit dem Ball wenig anzufangen wusste, plötzlich völlig ohne Not die Initiative. Statt die Hearts weiterhin hoch unter Druck zu setzen und das Geschehen selbst zu bestimmen, wurde Rapid passiver. Die Schotten gewannen zunehmend Sicherheit, spielten sich längere Ballbesitzphasen heraus und drängten die Gastgeber weiter zurück.
Hearts-Coach Wouter Vrancken bestätigte diesen Eindruck anschließend selbst. Seine Mannschaft habe eine „wirklich schlechte erste Halbzeit“ gespielt, sei nach der Pause aber mutiger geworden und habe „das Spiel in die eigenen Hände genommen“. In dieser Phase seien die Hearts aus seiner Sicht sogar dominant gewesen.
Ausgleich trotz Rapid-Überzahl
Die Partie nahm anschließend eine fast absurde Wendung. Magnusson sah in der 76. Minute nach einem weiteren Foul die zweite gelbe Karte. Rapid führte zu diesem Zeitpunkt 1:0 und spielte vor vollem Haus gegen zehn Schotten.
Drei Minuten später stand es 1:1. Nach einem Eckball von Blair Spittal kam der eingewechselte Pierre Landry Kaboré am kurzen Eck zum Abschluss und erzielte den Ausgleich. Rapid hatte damit die vermeintlich komfortabelste Situation des gesamten Abends innerhalb weniger Minuten verspielt.
Dass die Hearts in Unterzahl überhaupt wieder derart gefährlich werden konnten, war symptomatisch. Rapid bekam trotz des zusätzlichen Spielers keine Struktur mehr in seine Angriffe. Es fehlten Tempo, Läufe hinter die letzte Linie und vor allem die Bereitschaft, mit Risiko in gefährliche Räume zu spielen.
Die Gesamtstatistik macht diesen Widerspruch besonders deutlich. Rapid hatte über die gesamte Partie rund zwei Drittel Ballbesitz, gab 23 Schüsse ab und kam auf 29 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum. Hearts brachte es lediglich auf neun Abschlüsse und 16 Strafraumkontakte. Trotzdem brachten die Schotten vier Schüsse aufs Tor, Rapid nur drei. Auch die 10:6-Ecken zugunsten der Wiener führten zu keinem entscheidenden Vorteil.
Die Zahlen beschreiben damit ziemlich genau das Problem: Rapid hatte viel vom Spiel, machte daraus aber viel zu wenig.
Skurrile Verlängerung im Allianz Stadion
In der Verlängerung wurde die Situation endgültig skurril. Rapid hatte einen Mann mehr, spielte zuhause vor knapp 24.000 eigenen Anhängern und benötigte nur einen Treffer für die Ligaphase. Trotzdem lief der Ball über weite Strecken lediglich quer durch die eigenen Reihen.
Es gab kaum Tempowechsel, wenig mutige Vertikalpässe und praktisch keine dauerhafte Überladung jener Räume, die ein dezimierter Gegner zwangsläufig preisgeben muss. Die Hearts konnten sich immer wieder formieren – und wurden sogar selbst gefährlich.
In der 100. Minute fiel tatsächlich das 1:2. Und nicht einmal ein klassischer Konter war dafür notwendig. Rogers Mato brachte den Ball von der Seite in den Strafraum, Calvin Miller kam am langen Eck zum Abschluss und versetzte das Allianz Stadion in Schockstarre.
Erst ganz am Ende entwickelte Rapid jene Dringlichkeit, die man wesentlich früher hätte erwarten müssen. Moulaye Haïdara brachte den Ball in der 119. Minute in den Strafraum, Nenad Cvetković rettete die Grün-Weißen mit dem 2:2 noch ins Elfmeterschießen.
Reus wird zum Hearts-Helden
Dort wurde Beau Reus endgültig zum Matchwinner. Der Hearts-Torhüter parierte die Versuche von Haïdara und Marco Tilio, während die Schotten vier Elfmeter verwandelten. Nach insgesamt 240 Minuten und zweimal 2:2 setzte sich Heart of Midlothian somit mit 4:3 im Elfmeterschießen durch. Erstmals in seiner Geschichte überstanden die Schotten damit ein Europacup-Playoff.
Thorup sprach anschließend von einem „fürchterlichen Abend“. Rapid habe stark begonnen und die Partie zunächst dort gehabt, wo man sie haben wollte. Wie bereits im Hinspiel habe seine Mannschaft die zweite Halbzeit aber nicht gut genug begonnen. Besonders bitter: Auch das zweite Gegentor sei aus einer Situation entstanden, die ursprünglich mit einem Rapid-Eckball begonnen hatte.
Vrancken sah dagegen die Mentalität seiner Mannschaft bestätigt. Die Hearts seien trotz schlechter erster Hälfte, Rückstand und Unterzahl immer wieder zurückgekommen. Besonders stolz zeigte sich der Belgier auf die Entwicklung und den Zusammenhalt seiner Mannschaft.
Für Rapid bleibt ein Ausscheiden, das besonders schwer zu verdauen sein dürfte. Nicht weil Hearts über 120 Minuten die bessere Mannschaft gewesen wäre, sondern weil die Hütteldorfer einen Gegner, den sie in der ersten Hälfte weitgehend im Griff hatten, ohne zwingenden Grund zurück ins Spiel holten. Selbst Führung und Überzahl reichten nicht. An einem Abend, an dem die Ausgangslage eigentlich immer günstiger wurde, verlor Rapid ausgerechnet jene Direktheit und Konsequenz, die es gebraucht hätte, um die europäische Saison fortzusetzen.