Das Ergebnis war dabei keineswegs nur das Produkt der Grazer Fehler. Rapid präsentierte sich vor allem in der ersten Hälfte äußerst giftig, fand gute Lösungen gegen das Sturm-Pressing und erspielte sich insgesamt wesentlich hochwertigere Chancen. Erst nach der Pause geriet die Mannschaft von Johannes Hoff Thorup wieder in jene passive Phase, die in den vergangenen Wochen bereits mehrfach zu beobachten war.
Drei Tore in den ersten 17 Minuten
Die Partie begann turbulent. Nach einem Foul von Jürgen Heil an Moulaye Haïdara und einem langen VAR-Check verwandelte Demir den Elfmeter in der siebten Minute sicher. Sturm antwortete praktisch sofort: Simon Seidl bereitete vor, Beganović traf zum 1:1.
Rapid ließ sich davon allerdings überhaupt nicht beeindrucken. In der 17. Minute setzte Tilio Jacob Peter Hödl im Grazer Aufbau unter Druck, eroberte den Ball und wurde nach Adamsens Weiterleitung zum 2:1 freigespielt. Es war eine Szene, die Rapids Auftritt in der ersten Hälfte gut zusammenfasste: Die Grün-Weißen waren aggressiver in den entscheidenden Momenten und bestraften Fehler sofort.
Auch danach hatte Rapid die besseren Chancen. Tilio scheiterte an Ammar Helac, Adamsen setzte den Nachschuss über das Tor und Haïdara kam vor der Pause ebenfalls gefährlich zum Abschluss. Schon zur Halbzeit lag Rapid beim Expected-Goals-Wert mit 2,28 : 0,53 klar vorne.
Rapid findet die richtige Antwort auf Sturms Pressing
Taktisch interessant war insbesondere Rapids Umgang mit dem Grazer Angriffspressing. Sturm rückte häufig mit fünf Spielern weit nach vorne und wollte den Spielaufbau der Gastgeber schon rund um den Strafraum zustellen. Rapid versuchte allerdings gar nicht erst, diese erste Linie permanent mit kurzen Kombinationen auszuspielen.
Hedl eröffnete zunächst häufig kurz, um Sturm anzulocken. Sobald die Grazer Pressingspieler nach vorne schoben, folgte aber der deutlich längere Ball über die erste Linie hinweg. Dort ging es weniger darum, jeden hohen Ball unmittelbar zu kontrollieren, sondern vielmehr um die zweiten Bälle. Rapid rückte sehr schnell nach und konnte Sturm dadurch immer wieder in ungeordnete Situationen zwingen.
Dass dies ein bewusster Ansatz war, zeigt auch eine interessante Zahl: Rapids Pässe ins letzte Drittel waren im Schnitt 40 Meter lang, jene der Grazer nur 31,3 Meter. Dazu kam die enorme Aggressivität nach Ballverlusten. Rapid verzeichnete 50 Balleroberungen gegenüber 33 von Sturm, zudem lag die sogenannte „Challenge Intensity“ mit 4,7 : 3,7 klar höher zugunsten der Gastgeber.
Sturm bringt Rapid nach der Pause ins Wanken
Ganz souverän brachte Rapid die Führung dennoch nicht über die Zeit. Nach dem Seitenwechsel erhöhte Sturm die Intensität seines Pressings deutlich. Der PPDA-Wert der Grazer sank von 16,0 in der ersten Hälfte auf 9,1, die durchschnittliche Formation rückte von 49,8 auf 52,4 Meter nach vorne. Rapid wurde passiver und verlor vorübergehend die Kontrolle.
Nelson Weiper hatte nach seiner Einwechslung Möglichkeiten, zwingend wurde Sturm aber nur selten. Das zeigt auch die gesamte Chancenstruktur. Die Grazer gaben zwar sogar 17 Schüsse ab und damit einen mehr als Rapid, elf davon kamen allerdings von außerhalb des Strafraums. Rapid schloss elfmal innerhalb des Sechzehners ab und kam letztlich auf 3,31 xG, Sturm lediglich auf 1,08. Die durchschnittliche Schussdistanz betrug bei den Wienern 16,5 Meter, bei den Grazern 21,1 Meter, was auch zeigt, dass Sturm in letzter Instanz Probleme hatte, sich gegen eine kompakte Rapid-Elf durchzukombinieren.
Demir als klarer Unterschiedsspieler
Der auffälligste Spieler stand auf Rapids Zehnerposition. Yusuf Demir fand zwischen Sturms Mittelfeld- und Abwehrlinie immer wieder Räume, löste Situationen technisch sauber auf und war für die Grazer enorm schwer zu greifen. Neben seinem sicher verwandelten Elfmeter bereitete er auch das entscheidende 3:1 vor.
Demir brachte 38 seiner 46 Pässe zum Mitspieler, spielte drei Schlüsselpässe und vier seiner fünf progressiven Zuspiele waren erfolgreich. Seine Rolle im Zentrum scheint ihm aktuell deutlich besser zu liegen als frühere Einsätze auf dem Flügel, zumal sein Visier im Zentrum offener scheint und er dadurch mehr verschiedene Möglichkeiten vorfindet, seine technischen Stärken auszuspielen, während er auf der Rechtsaußenposition häufiger mit Engen konfrontiert ist.
Auch die Einwechslung von Dahl tat Rapid gut. Der Norweger brachte vor allem links offensiv wieder Tempo und Direktheit in ein teilweise festgefahrenes Spiel. Sturms Außenverteidiger hatten mit den schnellen Richtungswechseln und Eins-gegen-Eins-Situationen im Allgemeinen große Probleme. Dahl gewann alle fünf seiner Zweikämpfe und beide Dribblings und entschied die Partie schließlich in der 86. Minute nach Demirs Zuspiel mit einem präzisen Abschluss ins lange Eck.
Thorup lobt Reaktion, Ingolitsch ärgert sich über Fehler
Rapid-Coach Thorup war vor allem mit der Antwort auf das Europacup-Aus zufrieden. „Wir haben heute viel Gutes gezeigt, vor allem, was den Charakter betrifft, und haben nach dem Mittwoch-Spiel zurückgeschlagen“, erklärte der Rapid-Trainer. Dass seine Mannschaft nicht über 90 Minuten dominant auftreten könne, sei gegen einen körperlich starken Gegner wie Sturm normal.
Ingolitsch sah die entscheidenden Ursachen hingegen bei seiner eigenen Mannschaft. „Wir haben uns heute selber gekillt“, lautete seine drastische Zusammenfassung. Der Sturm-Coach ärgerte sich besonders über die individuellen Fehler vor den Gegentoren und verwies zugleich darauf, dass Rapid ungewöhnlich häufig mit langen Bällen agierte.
Für Sturm endete damit eine bemerkenswerte Serie: Seit der 0:1-Niederlage bei der WSG Tirol am 14. Februar hatten die Grazer 17 Bundesligaspiele in Folge nicht verloren. Rapid steht dagegen weiter ohne Punktverlust an der Spitze. Bereits am Mittwoch folgt der nächste große Prüfstein: Im Nachtragspiel gastieren die Hütteldorfer um 20:30 Uhr bei Red Bull Salzburg, das am Sonntag Austria Wien mit 4:1 besiegte und damit bis auf zwei Punkte an das Führungsduo Rapid und LASK heranrückte.