Noch schwerer wiegt, dass der Rückschlag nur drei Tage nach dem enttäuschenden 0:2 bei OFI Kreta zum Auftakt der Europa League folgte. Aus sechs Pflichtspielen gewann Hoffenheim bislang nur gegen Erzgebirge Aue im DFB-Pokal und den VfB Stuttgart. Trainer Christian Ilzer muss in der Länderspielpause deshalb mehrere Probleme gleichzeitig lösen.
Zu viel Ballbesitz, zu wenig Gefahr
Das Spiel in Paderborn steht exemplarisch für einen Teil der Schwierigkeiten. Hoffenheim kam auf einen xG-Wert von 1,95, Paderborn lediglich auf 0,89. Trotzdem gewann der Aufsteiger 3:1. Coufal und Bambasé Conté trafen jeweils die Stange, während den Gastgebern auf der anderen Seite wenige gute Situationen genügten.
Ähnlich ernüchternd war der Auftritt auf Kreta. Die TSG hatte 59 Prozent Ballbesitz und brachte 88 Prozent ihrer Pässe zum Mitspieler, erzeugte daraus aber kaum zwingende Möglichkeiten. Ilzer kritisierte anschließend selbst, dass seiner Mannschaft im Ballbesitz Aggressivität und Risiko gefehlt hätten.
Gerade gegen kompakte Gegner bewegt Hoffenheim den Ball häufig kontrolliert bis an den gegnerischen Block, schafft es anschließend aber zu selten, diesen mit Tiefenläufen oder schnellen Kombinationen auseinanderzuziehen. Werden die Außenbahnen zugestellt und das Zentrum verdichtet, fehlen derzeit alternative Lösungen.
Der Stuttgart-Sieg zeigt das Potenzial
Wie gut Ilzers Ansatz funktionieren kann, zeigte der bislang einzige Bundesligasieg gegen Stuttgart. Hoffenheim hatte beim 2:1 nur 43 Prozent Ballbesitz, kam aber auf 20 Abschlüsse und 2,76 xG. Der VfB hatte mehr vom Ball, die TSG konnte dafür wesentlich direkter spielen.
Beim 1:0 gewann Conté den Ball im eigenen Drittel, trieb ihn mit Tempo nach vorne und bereitete Hložeks Treffer vor. Auch das 2:1 entstand aus einem schnellen Angriff, den Daghim für Hložek vorbereitete. Anschließend verteidigte Hoffenheim die Führung deutlich kontrollierter als gegen Köln oder Dortmund.
Der Vergleich zeigt ein grundsätzliches Muster: Gegen Mannschaften, die selbst das Spiel machen und Räume anbieten, kommen Hoffenheims Tempo, Pressing und vertikales Umschalten besser zur Geltung. Überlässt ein Gegner wie Paderborn oder OFI der TSG dagegen mehr Kontrolle, muss Ilzers Mannschaft selbst einen kompakten Block aufbrechen – und genau damit tut sie sich derzeit schwer.
Das Pressing verliert seine Kompaktheit
Noch gravierender sind die Probleme gegen den Ball. Ilzers Fußball lebt davon, geschlossen nach vorne zu verteidigen und nach Ballverlusten sofort wieder Zugriff herzustellen.
Genau diese Abstände stimmen momentan zu häufig nicht. Läuft die erste Linie an, ohne dass Mittelfeld und Abwehr entsprechend nachrücken, können Gegner den Druck mit wenigen Pässen überwinden. Besonders anfällig wird Hoffenheim nach eigenen Ballverlusten, wenn die Außenverteidiger hoch stehen und mehrere zentrale Spieler ebenfalls vor dem Ball positioniert sind.
Paderborn benötigte deshalb keine langen Ballbesitzphasen. Der Aufsteiger verteidigte kompakt, wartete auf Fehler und spielte anschließend möglichst direkt nach vorne. Diese Mischung aus tiefem Verteidigen und schnellem Umschalten trifft Hoffenheim momentan an einem empfindlichen Punkt.
Acht Gegentore nach der Pause
Auch die Verteilung der Gegentreffer ist auffällig. Zehn Tore kassierte Hoffenheim in den ersten vier Bundesligaspielen, acht davon nach der Pause.
In Köln führte die TSG zunächst 1:0 und später 2:1, verlor aber noch 2:3. Gegen Borussia Dortmund lag Hoffenheim nach 54 Minuten sogar mit 2:0 vorne, ehe der BVB die Partie innerhalb von gut einer halben Stunde komplett drehte.
Das unterscheidet diese Spiele vom Stuttgart-Sieg. Dort kassierte Hoffenheim zwar ebenfalls den Ausgleich, reagierte anschließend aber, ging erneut in Führung und kontrollierte die Partie danach deutlich besser.
Kapitän Oliver Baumann bezeichnete den Auftritt in Paderborn als zu sorglos, Ilzer vermisste Gemeinschaftsenergie und Leidenschaft. Die Probleme sind damit nicht ausschließlich taktischer Natur. In schwierigen Phasen fehlt momentan auch die nötige Ruhe, um Spiele wieder zu stabilisieren.
Die Abgänge hinterlassen Spuren
Die Sommerabgänge erklären den Fehlstart nicht allein, haben Hoffenheim aber wichtige Eigenschaften genommen. Bazoumana Touré kam in der vergangenen Bundesligasaison auf fünf Tore und neun Assists. Vor allem sein Tempo machte die TSG nach Ballgewinnen gefährlich.
Mit Grischa Prömel ging zudem ein erfahrener Mittelfeldspieler, der sieben Ligatore und drei Vorlagen beisteuerte und zusätzlich Präsenz, Zweikampfstärke und Erfahrung ins Zentrum brachte.
Hinzu kamen Probleme bei wichtigen Offensivspielern. Kramarić kehrte nach einer Leistenoperation ohne vollständige Vorbereitung zurück, Asllani wurde von Knieproblemen gebremst und Prass fehlte mit Adduktorenproblemen. Mittlerweile hat sich die personelle Lage entspannt, die Automatismen fehlen aber weiterhin.
Fehlen Führungsspieler?
Damit rückt auch Sportgeschäftsführer Andreas Schicker in den Fokus. Die Strategie, junge, entwicklungsfähige und athletische Spieler zu verpflichten, passte in der vergangenen Saison hervorragend zu Ilzers Fußball.
Die Verjüngung könnte momentan aber auch eine Kehrseite zeigen. Mit Prömel ging nicht nur ein Stammspieler, sondern auch Erfahrung und Persönlichkeit verloren. Werden gleichzeitig zahlreiche junge Akteure integriert, verteilt sich die Verantwortung noch stärker auf Routiniers wie Baumann und Kramarić.
Von einem grundsätzlichen Führungsproblem zu sprechen, wäre verfrüht. Auffällig ist aber, dass Hoffenheim gerade dann Schwierigkeiten bekommt, wenn Spiele kippen. Gegen Dortmund wurde eine 2:0-Führung verspielt, gegen Paderborn entstand auch nach dem Anschlusstreffer keine längere Phase kontrollierten Drucks.
Ilzer muss die Balance wiederfinden
Für Ilzer geht es weniger um eine Abkehr von seiner Spielidee als darum, deren wichtigste Mechanismen wieder stabiler umzusetzen. Das Stuttgart-Spiel zeigte, wie Hoffenheim aussehen kann: vertikal nach Ballgewinnen, aggressiv im Pressing und gleichzeitig kompakt genug, um eine Führung zu verteidigen.
In den anderen Partien greifen diese Elemente zu selten ineinander. Pressing ohne geschlossenes Nachschieben öffnet Räume, offensives Aufrücken ohne funktionierendes Gegenpressing macht die Restverteidigung anfällig. Gegen tief stehende Mannschaften fehlt gleichzeitig noch die Präzision, um aus längeren Ballbesitzphasen genügend hochwertige Chancen zu entwickeln.
Ein akutes Trainer-Thema ist Ilzer dennoch nicht. Belastbare Berichte über eine bevorstehende Trennung gibt es derzeit nicht. Schicker betonte nach der Paderborn-Niederlage vielmehr, dass der Klub weiterhin an seinem eingeschlagenen Weg festhalte.
Die nächsten Wochen werden richtungsweisend
Die Länderspielpause kommt deshalb zum passenden Zeitpunkt. Am 10. Oktober empfängt Hoffenheim den Hamburger SV. Fünf Tage später folgt gegen Besiktas das erste Europa-League-Heimspiel, anschließend geht es am 18. Oktober zu Borussia Mönchengladbach.
Der Stuttgart-Sieg hat gezeigt, dass die Grundidee weiterhin funktionieren kann. Hoffenheim muss sie aber wieder zuverlässiger auf den Platz bringen und auch Lösungen finden, wenn ein Gegner der TSG bewusst den Ball überlässt. Bleiben die Probleme bei Restverteidigung, Gegenpressing und Spielkontrolle bestehen, könnte aus dem Fehlstart nach der Länderspielpause schnell eine deutlich ernstere Krise werden.