Auslöser der Debatte ist Hamiltons verpasster Boxenstopp während einer virtuellen Safety-Car-Phase. Der Brite blieb trotz einer entsprechenden Anweisung seines Teams auf der Strecke und fiel aufgrund stark abbauender Reifen von einem möglichen Podiumsplatz auf Rang sechs zurück. Ferrari-Teamchef Fred Vasseur sprach anschließend von einem Fehler, während Hamilton selbst die Verantwortung übernahm.
Schiff vermutet Vertrauensverlust zwischen Hamilton und Ferrari
Für Naomi Schiff könnte hinter der Entscheidung mehr stecken als eine einfache Fehleinschätzung. Die ehemalige Rennfahrerin verwies in der Nachbesprechung bei Sky Sports auf frühere strategische Unstimmigkeiten zwischen Hamilton und seiner Mannschaft.
Aus ihrer Sicht haben Fahrer und Team möglicherweise einen Teil des gegenseitigen Vertrauens bei wichtigen Entscheidungen verloren. Hamilton habe bereits mehrfach erlebt, dass sich strategische Vorgaben von Ferrari als ungünstig erwiesen. Deshalb könne sie nachvollziehen, weshalb er in Singapur stärker auf seine eigene Einschätzung setzte.
Eine Rolle spielte aus Schiffs Sicht auch, dass Hamilton hinter Leclerc festhing. Hamilton war nach seinem frühen Reifenwechsel auf Soft-Reifen unterwegs, konnte deren Potenzial aber nicht vollständig ausschöpfen, weil sein Teamkollege vor ihm fuhr und Ferrari ihn anwies, Abstand zu halten. Die Expertin vermutet deshalb, dass Hamilton durch seine eigenständige Entscheidung auch verhindern wollte, erneut hinter Leclerc festzustecken.
Button widerspricht: Hamilton wollte etwas riskieren
Jenson Button, der 2009 Formel-1-Weltmeister wurde und zwischen 2010 und 2012 bei McLaren an Hamiltons Seite fuhr, sieht die Situation anders.
Der Brite widersprach Schiffs Interpretation eines möglichen Vertrauensproblems ausdrücklich. Seiner Einschätzung nach wollte Hamilton schlicht eine andere Strategie ausprobieren und war davon überzeugt, dass seine Reifen dafür ausreichen würden.
Hamilton habe gewusst, welches Tempo er auf den Soft-Reifen fahren konnte, und wollte nicht bis zum Rennende hinter Leclerc bleiben. Dass dieser Versuch scheiterte, sei nicht automatisch ein Hinweis auf mangelndes Vertrauen in die Ferrari-Boxenmauer.
Button hob außerdem positiv hervor, wie Hamilton mit dem Rückschlag umging. Der siebenfache Weltmeister entschuldigte sich unmittelbar nach dem Rennen bei seiner Mannschaft und übernahm die Verantwortung, anstatt die Schuld beim Team zu suchen.
Verpasster Boxenstopp kostet Hamilton das Podium
Unabhängig davon, wie man Hamiltons Beweggründe deutet, lässt sich der Ablauf klar nachzeichnen. Nach dem Ausfall von Lance Stroll wurde in Runde 39 das virtuelle Safety-Car aktiviert, Ferrari wollte beide Fahrer unmittelbar hintereinander an die Box holen.
Ein Reifenwechsel während einer Phase unter virtuellem Safety-Car kostet weniger Zeit, weil die übrigen Fahrer ihre Geschwindigkeit reduzieren müssen. Leclerc folgte der Anweisung und wechselte die Reifen, Hamilton blieb hingegen draußen.
Über die genauen Umstände gibt es unterschiedliche Darstellungen. Vasseur erklärte, Ferrari habe beide Fahrer zum Stopp aufgefordert. Hamilton schilderte später, dass er zunächst die Boxeneinfahrt verpasst und sich anschließend entschieden habe, seine Position bis zum Ende zu verteidigen.
Diese Entscheidung erwies sich als folgenschwer. Hamilton musste einen rund 44 Runden langen Stint auf Soft-Reifen absolvieren. In der Schlussphase brach sein Tempo massiv ein. Nachdem Leclerc bereits auf frischeren Reifen vorbeigezogen war, verlor Hamilton drei weitere Positionen an Kimi Antonelli, Lando Norris und Oscar Piastri.
Statt des erhofften dritten Platzes blieb Hamilton nur Rang sechs. Leclerc wurde hinter Sieger Max Verstappen Zweiter, Antonelli komplettierte das Podium.
Vasseur spricht von Fehler, Hamilton übernimmt Verantwortung
Ferrari-Teamchef Fred Vasseur machte nach dem Rennen deutlich, dass die Mannschaft beide Autos an die Box holen wollte. Aus seiner Sicht hätte Ferrari damit die Plätze zwei und drei erreichen können.
Gleichzeitig verteidigte der Franzose die grundsätzliche Möglichkeit seiner Fahrer, bei Strategieentscheidungen eigene Einschätzungen einzubringen. Schließlich könnten diese das Verhalten ihrer Reifen unmittelbar beurteilen. Im konkreten Fall sei Hamiltons Entscheidung allerdings falsch gewesen.
Hamilton selbst vermied jede Kritik an Ferrari. Der 41-Jährige bezeichnete den misslungenen Versuch als schmerzhafte Lektion und betonte am Montag auf Instagram erneut, dass er die volle Verantwortung für seine Entscheidungen übernehme.