Vor den entscheidenden Bergetappen beträgt Reussers Vorsprung auf Demi Vollering allerdings nur noch zwölf Sekunden.
Nachdem Reusser am Dienstag im Einzelzeitfahren das Gelbe Trikot erobert hatte, schlug Vollering auf der fünften Etappe zurück. Die Niederländerin gewann den Sprint einer dreiköpfigen Spitzengruppe vor Reusser und Katarzyna Niewiadoma-Phinney. In der Gesamtwertung blieb Reusser vorne, ihr Vorsprung schrumpfte aber auf zwölf Sekunden.
Vollering gewinnt das direkte Duell
Die 140 Kilometer lange fünfte Etappe von Mâcon nach Belleville-en-Beaujolais führte über acht kategorisierte Anstiege und sorgte für eine erste größere Selektion unter den Anwärterinnen auf den Gesamtsieg. Auf den letzten schweren Kilometern setzten sich Reusser, Vollering und die Tour-Siegerin von 2024, Niewiadoma-Phinney, von der Konkurrenz ab.
Im Finale eröffnete Niewiadoma-Phinney rund 300 Meter vor dem Ziel den Sprint. Vollering blieb zunächst hinter Reusser, beschleunigte anschließend aber im richtigen Moment und zog kurz vor der Ziellinie vorbei. Es war ihr erster Etappensieg bei der diesjährigen Rundfahrt und der vierte Tour-Tagessieg ihrer Karriere. Reusser sammelte im Verlauf der Etappe insgesamt zwölf Bonussekunden, Vollering allerdings zwei Sekunden mehr.
Vollering machte anschließend deutlich, dass sie mit einem harten Kampf um Gelb rechnet. Reusser sei nur schwer zu schlagen und werde für ihren ersten Gesamtsieg bei der Tour alles investieren. Die beiden kennen einander bestens: Bis Ende 2024 fuhren sie gemeinsam für SD Worx-Protime. Bei der Tour 2023 unterstützte Reusser Vollering auf dem Weg zum Gesamtsieg und gewann selbst das abschließende Einzelzeitfahren. Nun sind sie direkte Konkurrentinnen.
Reusser fährt im Zeitfahren ins Gelbe Trikot
Die Grundlage für Reussers Führung war ihre starke Vorstellung im 21 Kilometer langen Einzelzeitfahren von Gevrey-Chambertin nach Dijon. Die amtierende Zeitfahr-Weltmeisterin gewann in 27:30 Minuten und war 18 Sekunden schneller als Vollering. In der Gesamtwertung übernahm sie damit das Gelbe Trikot mit zunächst 14 Sekunden Vorsprung.
Für die 34-jährige Schweizerin ist es die erste Tour de France Femmes, die sie gezielt auf die Gesamtwertung ausrichtet. In früheren Jahren übernahm sie häufig Helferinnenaufgaben, während sie bei Movistar nun selbst um den Gesamtsieg fährt. Ihre Form stellte sie bereits bei der Tour de Suisse, die sie 2026 zum dritten Mal gewann, unter Beweis.
Niedermaier fährt ins Weiße Trikot
Auch aus deutscher Sicht verlief die fünfte Etappe erfolgreich. Antonia Niedermaier war Teil einer 19-köpfigen Ausreißergruppe, die zwischenzeitlich fast zwei Minuten Vorsprung herausfuhr. Die 23-Jährige lag dadurch vorübergehend sogar virtuell an der Spitze der Gesamtwertung.
Nach dem Zusammenschluss erreichte Niedermaier das Ziel als Sechste, 45 Sekunden hinter Vollering, Reusser und Niewiadoma-Phinney. In der Gesamtwertung verbesserte sich die Rosenheimerin auf Rang vier. Ihr Rückstand auf Reusser beträgt 2:40 Minuten. Gleichzeitig übernahm sie das Weiße Trikot der besten Nachwuchsfahrerin. Nach ihrem zweiten Platz beim Giro d’Italia Women bestätigt Niedermaier damit auch bei der Tour ihre Entwicklung zu einer der stärksten Rundfahrerinnen des Feldes.
Noch ein schwerer Tag vor dem Mont Ventoux
Am Donnerstag führt die sechste Etappe über 153,4 Kilometer von Montbrison nach Tournon-sur-Rhône. Auf dem Programm stehen rund 2.600 Höhenmeter und sechs kategorisierte Anstiege. Der längste davon ist der Col de Lalouvesc mit 8,6 Kilometern und durchschnittlich fünf Prozent Steigung. Die letzte Bergwertung wird knapp 16 Kilometer vor dem Ziel abgenommen. Zusätzlich gibt es 9,2 Kilometer vor dem Ziel einen Bonussprint, bei dem sich die Fahrerinnen sechs, vier beziehungsweise zwei Sekunden sichern können.
Die Etappe könnte einer Ausreißergruppe entgegenkommen. Angesichts des knappen Vorsprungs auf Vollering muss Movistar das Renngeschehen jedoch aufmerksam kontrollieren. Vollering könnte das Gelbe Trikot bereits mit einem erfolgreichen Angriff oder über die Zeitbonifikationen übernehmen.
Die große Entscheidung wird allerdings für Freitag erwartet. Dann endet die 146,8 Kilometer lange siebente Etappe erstmals in der Geschichte der Tour de France Femmes auf dem Mont Ventoux. Der Schlussanstieg ist 15,7 Kilometer lang und durchschnittlich 8,8 Prozent steil. Spätestens dort wird sich zeigen, ob Reusser ihre Führung auch im Hochgebirge verteidigen kann – oder ob Vollering den nächsten Schritt zu ihrem zweiten Toursieg macht.